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Zum 200. Geburtstag: Ruhen Sie in Frieden!

Sehr geehrte, liebe Florence Nightingale!

Heute vor 200 Jahren wurden Sie geboren. Als Tochter aus gutem und wohlhabenden Haus gehörte es zum guten Ton, sich um Kranke und Betagte zu kümmern und bereits als Kind begleiteten Sie Ihre Mutter zu diesen Besuchen, die als Akt der christlichen Nächstenliebe galten.
Sie erhielten eine für Ihre Zeit hervorragende Bildung und Ihr Weg kostete Sie einigen Widerstand gegen die Familie:

Sie wollten keine gute Partie sein und keine machen, Sie wollten pflegen.

Das wurde Ihnen klar, als Sie sich mit gerade mal 17 Jahren einer schweren Grippe Epidemie entgegenstellten. Sie waren in der Not Pflegerin, Ärztin und Seelsorgerin zugleich. Das schrieben Sie Ihrer Schwester in einem Brief.
Ihr Weg führte Sie über eine Ausbildung bei den Diakonissen in Kaiserwerth in ein Feldlazarett des Krimkrieges, wo Sie überhaupt erst eine pflegerische Versorgung etablierten. In Skutari setzten Sie Maßstäbe und Sie waren es, die der Krankenpflege eine entscheidende Rolle bei der medizinischen Versorgung zumaß. Hygiene, Ernährung, gelüftete und geheizte Krankensäle, zugewandte Behandlung. Bei Ihren Forderungen zur Verbesserung der Pflege stützten Sie sich stets auf faktenbasierte Beschreibungen und statistische Analysen.

Ihre Arbeit war damals schon das, was wir heute evidenzbasiert nennen.

Aus Ihren Erfahrungen und Erkenntnissen heraus veröffentlichten Sie das erste Buch seiner Art: „Die Pflege bei Kranken und Gesunden“. Spätestens damit haben Sie die Pflegewissenschaften aus der Taufe gehoben und dafür bin ich Ihnen zutiefst dankbar. Sie haben Impulse gesetzt, die lange nachwirkten, die Pflege weltweit maßgeblich prägten und unendlich viel Leid verhindert haben.

So wunderbar und innovativ Ihr Verständnis der Pflege war, verehrte Frau Nightingale, so traditionsverhaftet blieb Ihr Bild der Pflegepersonen.
Pflegerinnen waren Schwestern, die Wurzeln der Krankenpflege liegen in den Klöstern und Orden. Die Versorgung der Kranken und Alten war demnach ein aufopferungsvoller Dienst an Gott, er folgte den Geboten der christlichen Nächstenliebe. So war auch ganz wesentlich Gott für die Entlohnung zuständig. Ein Leben in Selbstbestimmung wurde den Schwestern, den konfessionellen und den weltlichen, nicht zugestanden.
Sie selbst beschreiben Ihren eigenen Weg in die Pflege als eine Berufung durch Gott, als religiöse Erweckung zum Dienst am Nächsten im christlichen Sinne. In Ihrer konfessionslosen Pflegeschule legten Sie großen Wert auf charakterliche und moralische Eignung.

Kran­kenpflege blieb auch für Sie letztendlich religiös be­gründete Liebestätigkeit am Nächsten.

Und auch wenn Frauen heute mehr Wahlfreiheit haben als Heirat oder einen zölibatären Dienst am Nächsten, so leiden Ihre Kolleginnen und die wenigen Kollegen rund 150 Jahre später immer noch an den Erwartungen an Pflegepersonen, die auch Sie geprägt haben. Das Bild der opferbereiten Pflegeperson, die klaglos eine drastische Erhöhung der Dienstzeiten hinnimmt und die ebenso klaglos immer mehr Patient*innen pflegt, gerade in schwierigen Zeiten: Es lebt in den Köpfen der Gesellschaft und mancher Politiker*innen. Und ja, dieses Bild hält sich um so hartnäckiger, weil professionelle Pflege nach wie vor ganz wesentlich von Frauen geleistet wird. Spätestens hier drehen wir uns im Kreis und natürlich waren auch Sie in diesem Karussell gefangen.

Pfleger*innen üben eine Profession aus, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht und sie sind hochqualifizierte Fachkräfte.

Sie arbeiten nicht mehr für Gotteslohn und Jenseitsversprechen und sie wollen sich nicht aufopfern. Professionell Pflegende haben es verdient, von Ihrer Arbeit gut und frei leben zu können. Sie haben es verdient bei der Ausgestaltung Ihrer Profession nicht nur das erste, sondern auch das letzte Wort zu haben.
Diese Profession, die Sie mit Ihrer Arbeit mitbegründet und wesentlich vorangebracht haben, muss sich endlich ganz und gar aus dem alten Bild der Mildtätigkeit und Aufopferung lösen. Daran arbeiten wir mit großer Entschlossenheit und Energie.

Und deshalb, verehrte Florence Nightingale, ruhen Sie in Frieden!

Ihr Andreas Krahl

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