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Yes we care. Soziale Berufe konsequent stärken!

Meine Rede im Plenum am 15. April 2021

 

Sehr geehrte Frau Präsidentin, geschätzte Kolleg*innen, AfD Fraktion,

Wer hält unsere Gesellschaft im Kern zusammen? Das sind die Menschen, die die Erkenntnis, dass Leben Halt braucht, zum Beruf gemacht haben. Doch Halt geben und andere in ganz unterschiedlichen Phasen ihres Lebens ein Stück des Weges zu begleitet, kann nicht jede oder jeder. Da brauchen wir Profis. Zumal, wenn so ein Weg schwierig ist.
Dass unser Bedarf an hochprofessionellem Fachpersonal gerade jetzt, während einer Pandemie in aller Munde ist, sollte uns nicht erstaunen.
Ich persönlich (und mit mir die ganze Grüne Fraktion) ärgere mich wirklich darüber, dass es diesen Weckruf gebraucht hat. Die Menschen, die den „Laden Gesellschaft“ Tag für Tag am Laufen halten, hätten schon längst weit mehr politische Aufmerksamkeit verdient!   

„Yes we care. Soziale Berufe konsequent stärken!“ Bis hierher also zustimmendes Nicken in allen Fraktionen.

Was braucht die Profession Pflege? Was brauchen die Menschen, die in den unterschiedlichen Berufsbildern dieser Profession rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche zu ihren Diensten erscheinen?

Schaufensterpolitik in Form von Taschengeld und Leberkässemmeln ist es nicht. Das hält die Menschen nicht in der Profession, genau so wenig wie hipp-peinliche Kampagnen den händeringend gesuchten Nachwuchs gewinnen.

Unterm Strich gibt es bei den Regierungsfraktionen eben doch ein offensichtliches Erkenntnisproblem vor dem Umsetzungsproblem. Da sind wir gern behilflich!

Wenn man sich einem Problem ernsthaft zuwenden will, ist es allgemein üblich, dieses Problem erst mal zu beschreiben, und zwar möglichst umfassend. Und was macht die Staatsregierung? Sie heftet ihrem Schlingerkurs in Richtung Humanitäre Katastrophe einen Euphemismus an und nennt unser Problem „Pflegemangel“. Was sie aber nicht weiß, weil sie dazu noch nie irgendwelche Zahlen erhoben hat, ist das Ausmaß des Mangels. Ein Pflegemonitoring haben wir schlicht nicht und damit auch keinen Schimmer, wo wie viele und welche Pflegefachkräfte fehlen und wie sie sich die Lage voraussichtlich mittelfristig entwickelt. Prinzip Hoffnung vor Prinzip Erkenntnis.

Eines ist jedenfalls klar: Pflegende brauchen in allen Berufsbildern von der Altenpflege über die Kinderkrankenpflege, die Psychiatriepflege, die Heilerziehungspflege, die Gesundheits- und Krankenpflege, die Intensivpflege, die Fachkrankenpflege für Onkologie oder Nephrologie vor allem eins: Deutlich mehr Kolleg*innen, um den enormen Belastungen gerade jetzt stand zu halten!
Nicht zufällig trenden die Hashtags „Pflexit“ und „Plegteuchdochselbst“: Immer mehr Pflegefachkräfte kratzen die letzte Energie zusammen, um ihre Sachen zu packen. Die Pandemie ist bei dieser Entscheidung oft nur der berühmte letzte Tropfen.
Ja, ich weiß, Sie werden jetzt einwenden, dass die Ausbildungszahlen zuletzt so erfreulich stark gestiegen sind. Bevor Sie sich aber auf die Schulter klopfen, muss ich leider sagen, dass wir davon herzlich wenig haben werden!
Von den Auszubildenden kehren aktuell bis zu 27% schon vor einem Abschluss der Pflege den Rücken: Die Stationen werden immer voller und die Praxisanleitung muss immer noch in einem auf Kante genähten Dienstplan irgendwie nebenher laufen.
Schüler*innen finden sich unvermittelt auf den Stationen als Vollkraft wieder und fühlen sich damit natürlich heillos überfordert. Wir brauchen endlich freigestellte Praxisanleitungen auf allen Stationen!

Die jahrelange Behandlung der Pflege in allen Berufsbildern als reiner Kostenfaktor und damit als Sparpotenzal überfordert die wenigen, die im Beruf bleiben oder sich trotz allem noch dafür entscheiden. Diese dauernde Überforderung macht krank. Raten Sie mal, welche Berufsgruppe den höchsten Krankenstand hat.
Die psychische Gesundheit der Pflegekräfte ist entsprechend schlecht und braucht dringend unsere ganze Aufmerksamkeit, wenn wir den #Pflexit irgendwie aufhalten wollen.

Stattdessen packt die Politik immer noch eine Schippe drauf: Personaluntergrenzen werden ausgesetzt und Dienstzeiten verlängert. Und das, obwohl die pandemische Lage den Aufgabenkatalog in allen Bereichen der Pflege enorm erweitert hat. Nicht nur in der Altenpflege fallen seit Monaten weitestgehend Angehörige als Unterstützung aus. In der Intensivpflege befinden sich mit den Covid-Patient*innen Menschen, deren Versorgung hochkomplex ist und Pausen zum Luxusgut machen.
So wird Applaus zur schallenden Ohrfeige.

Wir fordern seit Jahren einen Paradigmenwechsel: Gute und professionelle Pflege als ein wesentliches Qualitätsmerkmal unseres Gesundheitswesens! Hier haben die Regierungsfraktionen verschlafen und das fällt uns jetzt allen schmerzhaft auf die Füße!

Wenn wir über die Profession Pflege reden, dann reden wir über die größte Berufsgruppe im gesamten Gesundheitssektor. Und wenn wir nicht mit der Profession reden, dann liegt das daran, dass sie immer noch keine selbstverwaltete, berufsständische Vertretung auf Augenhöhe hat!
Stattdessen gibt eine bunte Mischung fachfremder Personen pausenlos ihren Senf dazu, wenn es um die Gestaltung von Rahmenlehrplänen, die Reform der Aus- und Weiterbildungsordnung oder um jedes beliebige relevante, die Profession betreffende, Thema geht.
Versuchen Sie das mal bei der Ärzteschaft! Wir Grünen sind die einzige Fraktion hier im Hohen Haus, die sich klar zur Pflegekammer und damit klar zur Selbstverwaltung und Selbstgestaltung bekennt!

Pflege kann nicht jede*r, Pflege ist Profession und nicht bloß Passion! Pflege ist eine eigene Wissenschaft mit Forschung auf allen Gebieten ihres Einsatzes. Und trotzdem kämpfen wir in Bayern immer noch darum, den Akademisierungsgrad der Pflege zu heben und die Profession damit zum Wohl der Patient*innen laufend voranzubringen und als Forschungsstandort mitzuhalten. Das Antragspaket der Grünen Fraktion dazu liegt vor!

Wenn Sie es ernst damit meinen, Pflegefachkräfte im Beruf zu halten, können Sie sich auch innovativen Arbeitsfeldern nicht länger verschließen: Professionell Pflegende können auf kommunaler Ebene in Gesundheitszentren Verantwortung übernehmen und Patient*innen entlasten, deren Wege unzumutbar lang werden. Der DBfK fordert das seit Jahren!

„Soziale Berufe konsequent stärken!“ Dabei schließen wir auch die Heilmittelerbringenden ein: Die Ergo-, Logo- und Physiotherapeut*innen, die einen wesentlichen Anteil am Erhalt und an der Rückgewinnung der Selbstbestimmtheit der Patient*innen und Bewohner*innen tragen.
Augenhöhe, multiprofessionelle Teams auf den Stationen, die optimale Verzahnung von Behandlung, Therapie und Pflege. Das gibt den Professionen den Blick füreinander frei und verbessert die Arbeitsbedingungen. Schulgeldfreiheit allein löst nicht alle Probleme.

„Soziale Berufe konsequent stärken!“ nimmt aber auch die in den Blick, die in der pandemischen Lage bisher konsequent übersehen wurden: Die persönlichen Assistent*innen, ohne deren Unterstützung Menschen mit Behinderungen kein selbstbestimmtes Leben führen könnten. Gerade für Familien, die ein Kind mit Behinderung großziehen oder Angehörige betreuen, sind sie der Schlüssel für ein halbwegs ausgewogenes Familienleben.

All diese Menschen, und das geht raus an Staatsminister Holetschek, brauchen dringend eine Währungsreform!
„Vergelt’s Gott“ ist eine miese Währung für professionelle Arbeit und ganz nebenbei auch keine, die in Ihren eigenen Reihen besonders begehrt zu sein scheint.

Vielen Dank!

 

 

 

 

 

 

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