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Wollen wir wirklich tun, was wir können?

Keine Frage: Ärzt*innen, Pflegefachpersonen, Therapeut*innen und alle, in deren Hände wir unsere Gesundheit legen, sollten tun, was immer in ihrer Macht steht, um Menschen zu helfen. Heilen, lindern, retten.

Manchmal zählen Sekunden

Gerade im Notfall muss diese Hilfe schnell sein und gerade im Notfall kann die Rettung von schnellen Informationen abhängen. Leidet die bewusstlose Person an Diabetes? Liegen Herzerkrankungen vor? Lässt eine chronische Hypertonie auf einen Schlaganfall schließen? Ist die Person bewusstlos und allein, wer kann dann solche Informationen in der gebotenen Eile an die Notfallmediziner*innen und Rettungsassistent*innen weitergeben? Vollkommen klar: gespeicherte Notfalldaten auf einer Gesundheitskarte sind in solchen Situationen hilfreich.

Was muss mein*e Zahnärzt*in über mich wissen?

Doch: nicht immer geht es bei Arztbesuchen um Leben und Tod. Karies und Zahnreinigung sind schon unangenehm genug. Auch ohne, dass ich mich fragen muss, ob sich das Praxisteam gerade über meinen HIV Test von letzter Woche wundert. In der digitalen Krankenakte steht eben nicht nur, wann ich die letzte Amalgamfüllung habe ersetzen lassen.
Muss mein*e Orthopäd*in wegen neuer Einlagen echt wissen, dass ich seit Jahren wegen einer bipolaren Störung in Behandlung bin? Will ich das, wenn mir die wissenden Blicke in der Apotheke beim Medikamente abholen schon zu viel sind?

Was ist eigentlich mit dem Offenbarungsverbot?

Trans*Personen werden von dem ansonsten unsäglichen und vorgestrigen Transsexuellen-Gesetz davor geschützt, sich offenbaren zu müssen oder ungewollt von dritten geoutet zu werden. Eine vollendete Transition ist aber auch das Ergebnis langer medizinischer Behandlungen und operativen Eingriffen. Findet diese Information dann am Ende doch auch Eingang in eine digitale Krankenakte, sichtbar auch in der Apotheke?

Wer bestimmt, wieviel von mir digitalisiert wird?

Mediziner*innen und Patient*innenverbände stehen der digitalen Patientenakte kritisch gegenüber. Dabei geht es nicht nur um das, was in Zukunft auf unseren Gesundheitskarten über uns gespeichert werden kann. Neben den Stammdaten sind hier Informationen wie Patientenverfügung und Organspendebereitschaft geplant.
Eine digitale Patientenakte wird von allen Akteur*innen rund um meine Gesundheit gemeinsam geführt. Das heißt: diese Daten müssen ausgetauscht werden. Bloß wie? Mail und Messenger verbieten sich von selbst. Hochsensible Daten verlangen hochsensiblen Schutz. Doch wenn ich das ganze auch noch mit eigenen Daten, zum Beispiel Blutdruck, Gewicht, Schmerzprotokolle komplettieren möchte, wird es richtig kompliziert: meine sensibelsten Daten auf dem Handy? Sicherlich nicht!

Effektiv und günstiger…

ist es ganz bestimmt, wenn die eine Ärztin weiß, was der andere Arzt schon untersucht hat. Es ist sicher auch gut für mich und spart dem Solidarsystem Geld, wenn mir bestimmte Medikamente wegen Wechselwirkung gar nicht erst verordnet werden und ich dann nicht auch noch krank davon werde.
Doch: ergeben sich daraus irgendwelche Verpflichtungen für den offenen Umgang mit meinen Daten? Oder muss ich für mein Misstrauen im Zweifel durch fehlende Boni bei den Krankenversicherungsbeiträgen bezahlen?

Viele Fragezeichen bis 2021

Bis dahin will das Bundesministerium für Gesundheit die digitale Krankenakte einführen. Noch ein Jahr zur flächendeckenden Etablierung modernster Sicherheitssysteme im Gesundheitswesen. Das allein ist eine immense Herausforderung.
Patienten und Patientinnen sollten zudem die Kontrolle über ihre Dateneinträge behalten: Zur Selbstbestimmtheit gehört es auch, aufgeklärt und eigenständig Vorteile und Nachteile abzuwägen und dann individuell zu entscheiden, ob ich wirklich tun will, was man kann.

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