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Wir gedenken der Toten und wir ehren die Überlebenden

Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus!

Mein Stimmkreisbüro liegt in Weilheim in der Buxbaumgasse.
Familie Buxbaum führte hier bis 1936 ein Bekleidungsgeschäft. Weil sie Juden waren, mussten sie ihr florierendes Geschäft zum Schleuderpreis verkaufen. Sie zogen nach München, ihr gesamter Besitz wurde enteignet und schließlich wurde die Familie deportiert.
Emil und Hedwig Buxbaum sowie ihre Tochter Johanna, die sie Hansi riefen, wurden 1941 in Kaunas erschossen.

In Kaunas wuchs zur gleichen Zeit Abba Naor auf, den ich im letzten Jahr im Landtag kennen lernen durfte. Möglich, dass er die Erschießung der Buxbaums miterlebt hat. Er sah damals viele Tode in Kaunas. Als Abba Naor 13 Jahre alt war, zwangen die Nazis seine Familie ins Ghetto.
Dort versteckte die Familie den kleinen Bruder bei jeder Durchsuchung des Ghettos in einem Hohlraum hinterm Ofen. Das Kind war zu klein zum Arbeiten und hätte leicht der Laune eines SS-Mannes zum Opfer fallen können. Abbas Bruder Chaim wurde im Ghetto erschossen. Er wollte Brot holen. Er war 16 Jahre alt.

Naors Familie wurde schließlich nach Stutthof deportiert. Seine Mutter Channa und den kleinen Berele sah Abba zuletzt durch den Lagerzaun, als sie für den Zug nach Auschwitz „selektiert“ wurden. Sie wurden dort ermordet. Er selbst überlebte Zwangsarbeit in den Konzentrationslagern in Dachau, Utting und Kaufering. In Waakirchen wurde er von Alliierten während des Todesmarsches befreit. Seinen Vater Hirsch fand er nach dem Krieg in München wieder.

Beim Gedenken an die vielen Millionen Opfer des Nationalsozialismus wird das Unfassbare erst durch den Blick auf einzelne greifbarer. Mir ist die tägliche Erinnerung an die Familie Buxbaum aus Weilheim Mahnung und Auftrag in meiner täglichen Arbeit und im Umgang mit den Menschen.

Wir verneigen uns heute vor allen Opfern des Nationalsozialismus: vor den Juden und Jüdinnen, den Sinthi, den Roma, den homosexuellen Frauen und Männern, den politisch Andersdenkenden, denen, die als „Asoziale“ gebrandmarkt wurden, ebenso vor den Menschen, die ermordet oder verstümmelt wurden, weil sie Krankheiten oder Behinderungen hatten. Wir gedenken der Toten und wir ehren die Überlebenden.

Beim Gedenken an die vielen Millionen Opfer der Nazi-Diktatur ist zugleich der Blick auf die Täter und Täterinnen wichtig. Und dabei müssen wir uns trauen, genau hinzusehen. Damit unser „Nie wieder!“ nicht bedeutungslos wird, müssen wir uns damit konfrontieren, wie Menschen ihre Menschlichkeit derart in dieser wahnsinnigen Ideologie verlieren konnten und so viel Leid zu erzeugen in der Lage waren.

Ich bin Krankenpfleger. Als solcher frage ich mich natürlich, wie es geschehen konnte, dass meine eigene Berufsgruppe sich scheinbar so selbstverständlich an Grausamkeiten unvorstellbaren Ausmaßes beteiligen konnte.
Es waren Krankenschwestern, die Kinder mit Behinderungen verhungern ließen oder mit Medikamenten töteten oder absichtlich Embolien herbeiführten.
Es waren Krankenpfleger, die Menschen selektierten und „unwertes Leben“ in die Gaskammern brachten.
Es waren Gemeindeschwestern, vor denen verängstigte Menschen ihre schwachen und kranken Angehörigen versteckten, damit diese nicht als Gefahr für die „Volksgesundheit“ gemeldet wurden.
Es waren Schwestern und Pfleger, die sich aktiv an den medizinischen Versuchen beteiligten, die ohne jeden Skrupel und weit jenseits jeder Ethik an Inhaftierten durchgeführt wurden. Krankenschwestern führten im Konzentrationslager Ravensbrück Sulfonamid- und Gasbrandversuche an inhaftierten polnischen Frauen durch.
Zwangssterilisationen und Zwangsabtreibungen: nichts davon hätten Ärzte und Ärztinnen allein durchführen können.
Mit der Gleichschaltung der Wohlfahrtspflege wurde bereits 1933 der Grundstein der bedingungslosen Gefolgschaft gelegt, 1936 gab es keine freien Schwesternverbände mehr. Die NSDAP hatte die volle Kontrolle über das Pflegewesen.
Die Pflegeschulen unterrichteten nur noch Deutsche „reinen Blutes“ und zwar mehr und mehr junge Frauen untadeliger Herkunft. Männer wurden bewusst aus der Pflege verbannt. Das Bild der Krankenschwester als aufopfernde, mütterliche und resolute Heldin, die das Wohl des eigenen Volkes im Sinn hat, wurde geprägt. Die von tätiger Nächstenliebe getriebene „Schwester“ hatte ausgedient.

Die erste und wichtigste Aufgabe der Pflege war jetzt die Erhaltung der „Volksgesundheit“. Pflege wurde weggedacht vom Individuum, nicht ein einzelner Mensch zählte, weder Frau, noch Mann, noch Kind. Wer dem „großen Ganzen“ Last war, wurde ermordet.
Wer nicht dazugehörte, wurde ermordet.

Natürlich gab es Widerstand, vereinzelte Weigerungen, vor allem aus der katholischen Schwesternschaft. Die Stimmen verhallten.

Und nach dem Krieg, zur Zeit der Prozesse? Nur wenige Schwestern wurden vor Gericht gestellt. Noch weniger wurden verurteilt. Das Selbstverständnis der Pflegenden sah keinerlei individuelle Schuld vor: Schwestern verstanden sich als Befehlsempfängerinnen, als bloße Assistentinnen der Ärzteschaft: „Aber wir hatten doch gehorsam zu sein und die Anordnung des Arztes auszuführen“, sagte eine angeklagte Schwester 1965 in München aus. Gleichzeitig gab die Frau zu, an mindestens 200 Morden beteiligt gewesen zu sein.
Die Freisprüche erfolgten mit der Begründung, es liege in der Natur des Pflegeberufes, nicht selbstständig zu handeln und Anordnungen umzusetzen.

Und genau deswegen ist es mir so immens wichtig, dass professionelle Pflege heute endlich als eigenständige Profession anerkannt und auch gesehen wird. Pflege ist viel mehr als Assistenz. Sie ist eigenverantwortlich und sie richtet sich am Individuum aus. Immer und grundsätzlich. Sie darf sich nie wieder vereinnahmen lassen und einer Ideologie unterstellt werden, die irgendeinem „großen Ganzen“ dient. Professionelle Pflege ringt unaufhörlich um eine eigenen Pflegeethik, die sich ganz wesentlich nach der Selbstbestimmung der Patienten und Patientinnen ausrichtet. Unabhängig des Geschlechts, der Herkunft, des Alters oder der Schwere der Krankheit, Verletzung oder Behinderung.

Daher ist mein ganz persönliches „nie wieder!“ eines, das eng verbunden ist mit dem Beruf, den ich mir bewusst ausgesucht habe und in dessen Interesse ich einen wesentlichen Teil meiner politischen Arbeit stelle.
Nie wieder! Das sind wir auch Hedwig, Emil und „Hansi“ Buxbaum schuldig.

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