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Welt-Adipositas-Tag: Akzeptanz statt Stigmatisierung!

 

Mehr als die Hälfte der Bürger*innen in Deutschland ist übergewichtig, davon sind Männer noch stärker betroffen als Frauen. Mit zunehmendem Alter und oft abhängig von den sozio-ökonomischen Strukturen nehmen die Zahlen der Betroffenen zu. Während sich die Gesundheitspolitik dabei insbesondere auf die daraus entstehenden Behandlungskosten für Folgeerkrankungen der Adipositas fokussiert, werden die psychischen Belastungen der stark Übergewichtigen und Adipösen zu wenig berücksichtigt.

Wer nicht gängigen Schönheitsidealen entspricht, die in der Werbung und in den sozialen Medien verbreitet werden, leidet unter der gesellschaftlichen Stigmatisierung – mit oftmals verheerenden Konsequenzen für die Psyche.

 

Die Auswirkungen der Stigmatisierung am Beispiel Tino P.

Tino leidet seit seiner Kindheit an starkem Übergewicht. Das Mobbing seiner Mitschüler*innen führt am Ende seiner Schullaufbahn dazu, dass er depressiv und selbstzerstörerisch in eine Abwärtsspirale gerät, aus der ihm weder seine Eltern noch seine eigene Kraft heraushelfen können. Mit einem schlechten Schulabschluss und seiner übergewichtigen Erscheinung findet er keine Ausbildungsstelle, sein Freundeskreis beschränkt sich auf das Haustier, seine Eltern fühlen sich machtlos. Er vermeidet es zunehmend, das Haus zu verlassen aus Angst vor den Blicken, den Beleidigungen und Anfeindungen, denen adipöse Menschen wie er alltäglich ausgesetzt sind. Tino entwickelt eine schwere Depression, er verletzt sich selbst und hat suizidale Gedanken. Er wird so schwer psychisch krank, dass er sich in stationäre psychiatrische Behandlung begeben muss.

So wie Tino geht es Millionen anderer Menschen in Deutschland, aber auch weltweit. Die gängigen Vorurteile und Schuldzuweisungen halten sowohl Tino als auch viele Betroffene davon ab, sich rechtzeitig ärztliche und psychologische Hilfe zu holen und Angebote anzunehmen – mit teils fatalen Konsequenzen.

Auch Tino muss mit den Schuldzuweisungen, die an ihn herangetragen werden, zurechtkommen. Und irgendwann glaubt er selbst daran: „Ich bin schuld an meinem Übergewicht. Ich bin hässlich und nicht liebenswert.“ Und: „Ich bin zu faul, etwas zu ändern. Ich falle anderen zur Last.“ Ein gestörtes Verhältnis zum Essen entwickelt sich dabei ganz von allein. Am Ende gibt er auf: „Ich kann nichts daran ändern. Egal, was ich tue, ich kann es nicht ändern, das liegt ganz allein an mir.“

 

Wir brauchen dringend ein anderes Verständnis und mehr Sensibilität in unserer Gesellschaft.

Die zunehmenden Trends zur Selbstoptimierung und der Druck, den verbreitete Schönheitsideale verursachen, verschärft nur weiter die Stigmatisierung der Betroffenen. Auch Diätentrends und Selbstdarstellungen in den (sozialen) Medien fördern nur ein immer gestörteres Verhältnis zum eigenen Essverhalten und Körper.

Es ist unumgänglich, dass die Adipositas als behandlungsbedürftige chronische Erkrankung anerkannt und nicht stigmatisiert wird.

Gleichzeitig ist es wichtig, die Präventionsarbeit verstärkt und wertschätzend in den Fokus zu rücken. Prävention muss dabei zu den Zielgruppen passen: Kinder und Jugendliche brauchen andere Informationen als Erwachsene. Infra- und Informationsstrukturen an Bildungseinrichtungen sind zum Beispiel vollkommen andere als solche an Ausbildungsstätten und Arbeitsplätzen.

Wir brauchen eine gesellschaftliche Aufklärung über die vielschichtigen Ursachen für Übergewicht. Wir brauchen mehr Sensibilisierung über Aufklärungsarbeit, was es für Betroffene bedeutet, diskriminiert zu werden. Es muss mehr für die Toleranz und den Respekt getan werden, um den Betroffenen einen offenen Umgang möglich zu machen. Hier sind Schulen und Bildungseinrichtungen ebenso gefordert wie Praxen, Pflege- und Beratungseinrichtungen.

Toni wäre dieses Schicksal möglicherweise erspart geblieben, wäre man ihm respektvoll, hilfsbereit und offen begegnet. Um wieder in ein „normales“ Leben zurückkehren zu können, wird er sehr lange und hart kämpfen müssen.

 

 

 

 

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