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Von Profis und Mangel

Pflege kann jede*r! Oder?

Opa kann sich nicht mehr ohne Hilfe waschen und riecht schlecht? Oma schafft es nicht, sich ein Brot zu schmieren? Klarer Fall! Die alten Herrschaften brauchen Pflege. Kann ja nicht so schwierig sein. Pflegen kann schließlich jede und jeder. Wecken, waschen, Essen anreichen und dann mal raus in den Park. Satt und sauber und gelegentlich lüften. Kostet ein bisschen Zeit und wer die nicht hat, muss dafür viel Geld in die Hand nehmen und die Zuwendung in einem Pflegeheim einkaufen.

Der Vater stürzt unglücklich mit dem Fahrrad und bricht sich die Schulter. Platte rein, Schrauben drauf, OP, Reha und dann wieder ins Büro. Bloß gut, dass unsere medizinische Versorgung das alles gut und unkompliziert regelt. Die Chirurgin erklärt den Eingriff, der Anästhesist bespricht die Narkose und die Krankenpflegerin kommt viel zu spät, wenn Papa läutet, weil das Frühstück nicht reicht.

Das Bauchweh beim Kind ist doch nicht nur dem vielen Eis geschuldet, der Appendix muss raus und das schnell. Die Kinderärztin ist sehr zugewandt und erfahren, alle fühlen sich aufgehoben. Doch nachts in der Klinik hat das Kind Angst und weint. Natürlich hat der Pfleger ein Bilderbuch im Stationszimmer, das jetzt von den Albträumen ablenkt.

Waschen, Trösten, Servieren und ansonsten das tun, was die Ärzt*innen sagen, Tabletten zählen und Pflaster wechseln. Mehr ist es doch nicht mit dieser Pflege, oder? Tupfer, Skalpell, Faden! Das kennt man aus den Krankenhausserien.

Pflegerinnen und Pfleger sollten den unbändigen Wunsch haben, Menschen zu helfen und natürlich dürfen sie sich nicht vor harter und, mit Verlaub auch ein bisschen ekliger, Arbeit scheuen.
Wunden versorgen und sich selbst hinter die Bedürfnisse der Kranken zurückstellen.
Und schon ist es im Kopf: das Bild der Rot-Kreuz-Schwester, die sich im Kriegslazarett die blutigen Hände an der Schürze abwischt, eine schwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht pustet und zum nächsten Feldbett eilt.
Während Ärztinnen und Ärzte die „Götter in Weiß“ sind und Verantwortung für das Leben und die Gesundheit ihrer Patient*innen tragen, sind die Pflegenden ihre möglichst devoten Helfer*innen, die Anweisungen ausführen und wissen, wo ihr Platz ist. In der Assistenz nämlich, ganz unten in der Hierarchie des Gesundheitsbetriebes.
Wenn Schwester Christa Glück hat angelt sie sich einen Arzt und studiert vielleicht auch noch Medizin. In der Schwarzwaldklinik zumindest.

Und jetzt die Überraschung: wir beklagen seit Jahren einen Pflegemangel, der sich angesichts jeder Unwägbarkeit in eine ausgewachsene Katastrophe verwandelt.
Jetzt, wo sich alle Menschen durch eine Pandemie gleichermaßen von Krankheit bedroht fühlen, werden sie sichtbar, die Pflegenden. Wobei selbst das eigentlich nicht stimmt: wir sehen nicht die, die pflegen, wir sehen die, die es nicht tun. Der Mangel, die Lücke, der händeringende Bedarf ist jetzt in aller Munde. Und das obwohl sich genau dieser Lücke durch Corona eigentlich nichts geändert hat, Verbände und einige wenige Politiker*innen mahnen seit Jahren, auch und gerade mit Verweis auf den demographischen Wandel.

Jetzt ist es an der Zeit die plötzliche Sichtbarkeit des Mangels zu nutzen und das Echo des Balkonapplauses hörbar zu halten, um nach Corona die Gesellschaft und die Profession Pflege in den dringenden Forderungen zu vereinen.

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