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Von Muff und Mammon

Weg mit dem alten Muff!

Zur Bekämpfung der drohenden Katastrophe, die wir angesichts der demographischen Entwicklung immer noch so niedlich den Pflegemangel nennen, wurden schon einige Halbherzigkeiten erdacht. Ein Evergreen der zündenden Ideen ist es, Pflegefachkräfte aus dem Ausland zu werben. Aus Spanien etwa kamen vor wenigen Jahren getrieben von der hohen Arbeitslosigkeit vor Ort viele Kolleg*innen nach Deutschland. Die meisten sind jedoch schon wieder weg. Nicht, weil ihnen Land und Leute nicht gefallen oder weil sie lieber Sangria statt Bier zum Feierabend trinken, sondern einfach, weil sie hier nicht die Arbeit machen durften, die sie gelernt haben. Die spanische Pflegeausbildung ist akademisiert. Nicht nur zu 10%, sondern ganz. Spanische Pflegefachkräfte sind Absolvent*innen eines Studiums der Pflegewissenschaft die haben weitreichende Befugnisse und Fähigkeiten.
Eine in Deutschland examinierte Pflegekraft mit einer dreijährigen Ausbildung und sogar mit einer Zusatzausbildung zum Fachkrankenpfleger oder zur Fachkrankenpflegerin könnte in Spanien lediglich als Hilfskraft arbeiten.

Die spanischen Kolleg*innen blieben also nicht, weil sie nicht bereit waren, sich degradieren zu lassen und ihren Beruf nur zu einem Teil auszuüben.

Auch in Österreich ist die Pflegeausbildung akademisiert, so wie bei fast allen europäischen Nachbarn. Außerdem stehen fast alle Länder vor dem gleichen Problem: niemand wird in Zukunft weniger Pflegefachpersonen brauchen, Europas Boomer drängen grenzübergreifend in die Pflegeeinrichtungen. Also werden die Netze weiter ausgeworfen, Sondergenehmigungen in Aussicht gestellt und sogar schon eine Beurteilung des Aufenthaltsstatus von Geflüchteten nach gesellschaftlichem Nutzen diskutiert.
Wir müssen endlich nachziehen und die professionelle Pflege auch bei uns durch eine Akademisierungsoffensive aufwerten, sie auf Augenhöhe zu den Ärzt*innen holen und ihr Assistenzimage ablegen.
Mehr pflegewissenschaftliche Fakultäten an unseren Hochschulen eröffnen Karriere-Perspektiven für Pflegefachpersonen und Schulabgänger*innen. Mehr eigene Forschung holt uns vielleicht aus dem Schatten der angelsächsischen und nordeuropäischen Pflegeforschung und wäre damit ein echter Standortfaktor. Die Bedeutung der Pflege wird zunehmen, auch das lehrt uns die Pandemie. Geben wir ihr die Bedeutung, die ihr zukommt, indem wir die Forschung und die universitäre Ausbildung stärken.

Die Ausbildungsreform und damit die generalistische Pflegeausbildung ist ein richtiger Schritt. Das Berufsbild der professionellen Pflege wird einheitlicher. Das nutzt vor allem der Altenpflege, die vollkommen falsch gerne als „Pflege-light“ gesehen wird. „Light“ ist hier nur die noch schlechtere Bezahlung. Die Generalsitik nutz aber auch der Attraktivität des Berufes, weil sie die Pflegefachpersonen flexibler macht. Wenn mich die Arbeit auf der Kinderonkologie in der eigenen Familienphase psychisch zu sehr belastet, kann ich auch auf der Gynäkologie pflegen oder ich kann in die Altenpflege wechseln, wenn ich auf einer internistischen Station mein Interesse für dementielle Erkrankungen entdecke. Angesichts der händeringenden Suche nach Nachwuchs ist es schon ein besonderes Versagen, die Lehrpläne, die das neue Pflegeberufegesetz umsetzen so spät vorzulegen, dass ein ganzer Ausbildungsjahrgang auszufallen droht.
Auch andere Berufsbilder leiden unter Nachwuchssorgen und quer durch alle Gewerke bleiben Lehrstellen unbesetzt. Studiengänge ringen um Studierwillige und Fachkräfte fehlen an allen Ecken und Enden. Man muss kein*e Prophet*in sein, um zu erkennen, dass sich das mit immer geburtenschwächeren Jahrgängen absehbar nicht von allein ändern wird. Und dennoch setzen die Verantwortlichen bei der Werbung für Pflegeberufe immer noch auf verstaubte Kampagnen und die Hervorhebung besonders sozialer Persönlichkeitsstrukturen, die ihr Glück im „Dienst am Nächsten“ und der Menschlichkeit finden. Schulabsolvent*innen haben heute eine Vielzahl an Möglichkeiten und überraschenderweise entscheiden sich immer weniger von ihnen für den Versuch mit „Menschlichkeit“ ihre Miete zu bezahlen.
Wenn ich mir beim Lernen für’s Corona-Abi in den Nachrichten die Diskussion um einen „Mindestlohn“ in der Pflege anschaue, ist allein dieser Begriff das sichere Signalwort dafür, jeden Gedanken an diesen Berufszweig aus dem Kopf zu fegen. Ein „Mindestlohn“ ist nun mal kein gerechter Lohn für eine qualifizierte und wichtige Arbeit, mit der ich mein Leben gestalten kann.
Pflegende sind weder Helden und Heldeninnen, noch sind sie mit grenzenloser Selbstlosigkeit gestraft. Pflegende sind Fachkräfte, die sich verlässlich planbare Freizeit wünschen und einen auskömmlichen Lohn für eine unabhängige Lebensgestaltung mit Wohnung, Konsum und Urlaub. Vieles ließe sich allein schon durch de Umsetzung dieser simplen Erkenntnis lösen.
Dann kämen wir zu Aufstiegschancen und Zukunftsaussichten und vielleicht sogar auf so vollkommen innovative Ideen wie duale Studiengänge, Praxisanleiter*innen in Vollzeit, geldwerte Vorteile wie Kinderbetreuung oder günstiges Wohnen und Stipendien. Natürlich wird einiges davon bereits umgesetzt, in ihrer Gesamtheit haben die Bemühungen zur Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufes aber noch reichlich Luft nach oben. Auch in der Kommunikation nach außen und innen. Eine Pflegekraft ist kein „Herzwerker“ und keine aufopferungswillige Nachfahrin von Florence Nightingale. In erster Linie ist eine Pflegekraft ein ganz normaler Mensch mit ganz gewöhnlichen Bedürfnissen.

Das deutsche Credo „ambulant statt stationär“ hat die Pflege der Senior*innen über Generationen hinweg in den familiären und ehrenamtlichen Bereich abgewälzt, was mit steigenden Mobilitätsanforderungen an Arbeitnehmer*innen zunehmend schwieriger wird. Die mobilen Pflegedienste können längst nicht mehr alle Unterstützungsbedarfe decken, auch sie leiden an fehlendem Fachpersonal.
„Ambulant vor stationär“ ist gleichzeitig eine Armutsfalle für alle, die wegen der Pflege die eigene Erwerbsarbeit hintenanstellen oder gar beenden. Meistens sind das die Ehefrauen, Töchter oder Schwiegertöchter. Wenn die Frauen an ihre Grenzen stoßen, wird die Carearbeit an weniger privilegierte Frauen delegiert. Pflegerinnen aus Osteuropa ziehen seit Jahren in deutschen Pflegehaushalten wochenweise ein und arbeiten rund um die Uhr. Einige offiziell als Pflegefachkräfte, andere als Haushaltshilfen und ein sehr hoher Prozentsatz nach wie vor ohne Anmeldung. Der graue und schwarze Pflegemarkt boomt und weil die gut 70% der Pflegebedürftigen in häuslicher Betreuung ohne ihn nicht auskommen, schauen die Behörden lieber nicht so genau hin.
Eine Idee von der Austrocknung dieses Marktes bekamen wir Dank Corona durch die verhängten Grenzschließungen. Pflege zum Discountpreis ohne Qualitätskontrolle drückt wiederum auf den ideellen Wert der Pflege an sich.

Pflegende Angehörige lässt man mit all dem weitestgehend allen: Beratung und Unterstützung ist Mangelware. Tagespflegeplätze oder „Verhinderungspflege“ ist heiß begehrt. Die Nicht-Organisation der häuslichen Betreuung fußt auf der alten Annahme, dass „satt und sauber“ nicht so schwierig sein kann und dass Pflege schließlich jede*r kann. Dieser Pflegebegriff ist allenfalls auf ein Halten des Status-Quo ausgerichtet und sieht nicht vor, dass es Oma in naher Zukunft vielleicht besser gehen könnte und Opa seine Selbstpflegekompetenzen wiedererlangt.
Wie wenig ganzheitlich dieser Blick immer noch ist, zeigt sich auch in der jahrelangen Weigerung, Demenzerkrankungen als Grundlage einer Pflegestufe (heute Pflegegrad) anzuerkennen. Dass demente Menschen nicht einfach nur ein bisschen tüdelig sind, ist leider eine junge Erkenntnis, der nur langsam Rechnung getragen wurde. Inzwischen wurde es große Herausforderung erkannt, dass die Zahl der Demenzerkrankungen steigen wird: die Menschen werden immer älter und damit steigt die Wahrscheinlichkeit vieler Gebrechen. Von den ersten Symptomen bis zur Diagnose und damit zum Beginn sinnvoller pflegerischer und therapeutischer Maßnahmen vergehen immer noch Jahre, laut Demenzscreening der Bayerischen Staatsregierung bis zu sieben. Würden wir Pflege und Pflegeberatung endlich als Daseinsvorsorge begreifen und flächendeckend in Rat und Tat niederschwellig erreichbar anbieten, könnten hier ganz konkret schwere Verläufe mindestens verzögert werden. Flächendeckende kommunale Pflegezentren, ausgestattet mit Pflegefachpersonen im öffentlichen Dienst könnten das alte Credo mit neuem Leben füllen und unsere Gesellschaft fit machen für die Anforderungen der demographischen Entwicklung. Niederschwellige und für alle gute erreichbare Beratung über die Pflegelandschaft vor Ort und die Möglichkeiten staatlicher Unterstützung entlastet Familien in Ausnahmesituationen. Evidenzbasierte, also wissenschaftlichen Erkenntnissen folgende, individuelle Pflegeplanungen geben Betroffenen und Angehörigen Zukunftsperspektiven und ermöglichen ihnen die realistische Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit. Tagespflegeplätze und das Vorhalten von Verhinderungspflege beugen Überforderung ganz unmittelbar vor und geben den Beteiligten Sicherheit und Entscheidungsfreiheit. Nicht zuletzt haben wir genau hier einen weiteren sinnvollen und ausgesprochen effektiven Einsatzort für die Absolvent*innen der Pflegestudiengänge.
Denken wir diese Zentren weiter in die Richtung Familien-Gesundheitspflege sind auch präventive Angebote hier genau richtig verortet. Hygieneschulungen, Grundwissen über Infektionsketten und Ansteckungsrisiken, Stärkung des Immunsystems und Achtsamkeit für die mentale Gesundheit sind wichtig und könnten uns nicht zuletzt bei der nächsten Pandemie wertvolle Zeit sparen und Leben retten. Gut gemeinte Flyer und Hochglanzbroschüren aus den Gesundheitsämtern haben längst ausgedient. Die aktuellen Herausforderungen sind einfach zu groß für die Konzepte aus dem letzten Jahrhundert.

Plötzlich systemrelevant. Quasi über Nacht wurde es den meisten Menschen klar, dass all die medizinischen Apparate und der ganze Fortschritt immer noch davon abhängen, dass Fachleute sich damit auskennen. Und beinahe schlagartig scheint sich diese Erkenntnis durch die politische Landschaft und das kollektive Bewusstsein gewälzt zu haben. Für alle greifbar wuchs sich der Pflegemangel zu einer realen katastrophalen Bedrohung aus. Ein neuartiges Virus hat es uns mit schockierenden Bildern drastisch vor Augen geführt: Pflege geht uns alle an. Wir können die eigene Betroffenheit heute noch bei Seite wischen und morgen schon einen schweren Covid19-Verlauf erleiden.
Die Aussicht auf überfüllte Intensivstationen und unzureichende Behandlung durch zu wenig Pflegefachpersonal machte den Zustand des Gesundheitssystems zum Topthema, dem alles andere untergeordnet wurde. Infektionsschutzgesetze wurden verabschiedet und einschneidende, dringend notwendige Verordnungen beinahe klaglos akzeptiert und mit viel Eifer umgesetzt. Der Hastag „Flatten the Curve“ durfte auf keinem Instabild aus dem Homeoffice fehlen und natürlich bleiben alle zu Hause, damit die Pflegenden und alle anderen in den Kliniken ihre Arbeit tun können. Das ist richtig und das ist wichtig. Bedauerlich ist nur, dass die personalbedingten Schließungen von Kinderstationen in ganz Deutschland nicht ansatzweise zu einer Solidarisierungswelle ähnlichen Ausmaßes geführt haben. Betroffenheit braucht offensichtlich den eigenen Tellerrand.
Die allgemeine Betroffenheit muss nachhaltig wachgehalten werden. Das ist die Aufgabe der Profession und ihrer Vertreter*innen: genau jetzt ist es an der Zeit mit dem duldsamen Jammern aufzuhören und stattdessen Missstände klar zu benennen und deren Beilegung lauthals zu fordern. Dazu braucht die Profession überall in den Ländern starke Stimmen und einheitliche Positionen. Der Organisationsgrad der professionellen Pflege ist in Bayern verschwindend gering mit weit unter 10% der Beschäftigten und zerstückelt auf diverse Verbände, Gewerkschaften und Vereinigungen. Viele kleine Stimmen werden da leicht zur Kakophonie im Hintergrund und am Ende bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung wieder nur die nörgelnde Forderung nach angemessener Bezahlung. Die Vereinigung der Pflegenden in Bayern ist ein Organisationskonstrukt von Gnaden des Gesundheitsministeriums. Politiker*innen, Vertreter*innen der Kranken- und Pflegekassen, Träger*innen der Kliniken und Heime und eigentlich jede und jeder, die und der sich berufen fühlt, darf mitreden und Forderungen für die Pflege über deren Kopf hinweg stellen. Man stelle sich nur einen Moment lang vor, wie die Ärztekammern auf so viel Einmischung und externe „Expertise“ reagieren würden. Können Sie nicht? Ich auch nicht. Absurderweise scheint beim Thema Pflege jede*r qualifiziert zu sein, der oder die schon mal einen Kaffee in einem Klinikbistro getrunken hat. Die zum Langmut erzogene Profession nimmt das bisher weitgehend klaglos hin. Eine starke Selbstverwaltung der Profession könnte ihre Wege selbstbestimmt gehen. Die Profession könnte ihre eigenen Lehrinhalte definieren und dies sogar unter Einbeziehung möglicher neuer pandemischer Krisen. Die Profession könnte Rahmen schaffen für die eigenen Arbeitsbedingungen und zum Beispiel Modelle jenseits des starren Dreischichtmodells etablieren, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Lebensqualität aller Pflegenden nachhaltig zu verbessern. Eine starke Selbstverwaltung kann den Forderungen nach flächendeckenden Tarifverträgen muskelspielend Nachdruck verleihen, statt unwürdige Mindestlohndiskussionen für hochqualifizierte Fachpersonen zu erdulden.
Das durch die Krise gesttärkte Selbstbewusstsein der Profession Pflege sollte sich endlich in der Verkammerung bündeln, um weiterwachsen und gedeihen zu können.

 

 

 

 

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