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Von Menschen und Maschinen

Schwester, das Essen schmeckt nicht!

Pflegen und sich kümmern ist auch heute noch meistens eine Frauenaufgabe. Care-Arbeit ist in aller Munde, eben weil sie nicht vor aller Augen ist. Unbezahlte Familienarbeit wird ungern gesehen und deswegen auch wenig wertgeschätzt. Ob es sich dabei um Kindererziehung, Betreuung Pflegebedürftiger, den Haushalt oder die Organisation der Musikschultermine handelt: das alles sind Arbeiten, die nicht als solche wahrgenommen werden und folglich nebenbei zu erledigen sein sollten.
Und weil Frauen mit Familie und Ehemann schon immer irgendwie mehrfach belastet waren, kam die Krankenpflege traditionell entweder den Ordensschwestern oder unverheirateten jungen Frauen zu. Die kurze Ausbildung war lange Zeit nur konfessionell möglich mit deutlichem Schwerpunkt auf der Seelsorge.
Im 19. Jahrhundert gab es erstmals die Möglichkeit zu einer zunächst sehr kurzen Ausbildung in der Krankenwartung an der Berliner Charité. Ein einigermaßen einheitliches Berufsbild entwickelte sich nur langsam. Pflegerinnen außerhalb des konfessionellen Kotextes waren als „wilde Schwestern“ verschrien. Dieser zweifelhafte Titel bescherte den Frauen genau den zweifelhaften Ruf, der auch heute noch mitschwingt und der sich in diversen erotischen Rollenspielen und Faschingskostümen widerspielgelt. Was das für Frauen im 19. und 20. Jahrhundert bedeutete, muss ich wahrscheinlich nicht näher ausführen. Während die Krankenpflege sich also irgendwo zwischen Nächstenliebe und schwesterlicher Aufopferung zum Gotteslohn oder Freiwild, Dienstmagd und verbrannt für den Heiratsmarkt bewegte, gewannen Mediziner und Ärzte (universitäre Ausbildung war lange Zeit nur Männern vorbehalten) zunehmend gesellschaftlichen Status.
Ansehen und Vergütung von Ärzten und Schwestern klafften weit auseinander. An der Schere zwischen Ansehen und Verdienst in den Professionen hat sich bis heute nichts geändert.
Das Bild der aufopfernden Schwester, die aus reiner Nächstenliebe und für Gotteslohn allen Menschen ohne Ansehen der Person hilft, hatte zu Zeiten des Nationalsozialismus ausgedient. Die inzwischen zahlreichen Schwesternschaften wurden gleichgeschaltet und unter staatliche Verwaltung gestellt. Der Zugang zur Pflegeausbildung wurde limitiert und deutschen „arischen“ Frauen vorbehalten. Nicht der individuelle Patient oder die Patientin standen jetzt im Mittelpunkt, sondern es galt, den „Volkskörper“ gesund zu halten. Pfleger*innen dieses „Volkskörpers“ hatten sich die Sentimentalitäten ihrer Vorgängerinnen nicht zu gestatten: sie hatten wie strenge und resolute Mütter zu handeln, die zum Wohle aller bereit war, „Schädlinge“ auszumerzen. Krankenpflegerinnen wurden zu Täter*innen in Konzentrationslagern, Krankenhäusern und als Gemeindeschwestern. In den wenigen Verhandlungen, die es nach dem Krieg wegen der unvorstellbaren Ermordungen gab, betonten die angeklagten Schwestern immer wieder ihre Unschuld als Befehlsempfängerinnen der Ärzte. Nicht eine Pflegerin wurde verurteilt. Schon damals hätte die Anerkennung als eigenständige Profession für Gerechtigkeit sorgen können. Oder sie hätte im Vorfeld Menschenleben gerettet, weil sich die Täter*innen der eigenen Verantwortung nicht hätten schulterzuckend entziehen können.
Wie unmündig die Pflege damals war und wie wenig Selbstbestimmtheit man den Pflegenden zugestanden hat zeigt sich auch daran, dass bis 1945 ein Zölibat, also ein Heiratsverbot für Krankenschwestern galt. Das gesamte Leben war dem Beruf unterzuordnen und Platz für eigene Familien war nicht vorgesehen.

Wer heute bei einem Klassentreffen erzählt, dass er oder sie in die professionelle Pflege gegangen ist, erntet mitleidige Blicke, die Beteuerung wie wichtig das ist und ein mehr oder weniger herablassenden: „also ich könnte das nicht!“ Was genau könnten die ehemaligen Klassenkamerad*innen nicht? Schichtdienst? Der kann es nicht sein, machen die bewunderten Ärzt*innen auch. Wenig verdienen? Schon eher, je nach Party-Klientel und üblichem Verdienstdurchschnitt.
Was den meisten aber wohl sofort durchs Hirn schießt, sind die Aufgaben der Grundpflege: irgendwas mit Waschen und Inkontinenzmitteln. Dass Pflege auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht und Lebensqualität erhalten oder wiederherstellen kann und will, daran denken die Leute im Allgemeinen nicht. Tatsächlich bewundern sie eher das Verantwortungsbewusstsein des Bankangestellten oder die vielfältigen Aufgaben der Mechatronikerin. Pflegeberufe sind nichts für Angeber*innen.

Wann immer in unserem Gesundheitssystem Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, bekommen die Pflegenden den Unmut und immer öfter auch die Wut der Patient*innen und Angehörigen zu spüren.
Natürlich ist es nicht vergnügungssteuerpflichtig mit einem sich übergebenden Kind in der Notaufnahme einer Klinik zu warten. Aber es liegt nun mal auch nicht daran, dass die „Schwestern“ ausgerechnet jetzt lieber Kaffee trinken oder faul sind. In Wahrheit hätten ausnahmslos alle Pflegekräfte unglaublich gerne auch viel mehr Kolleginnen und Kollegen, um die Arbeit besser leisten zu können und vielleicht wirklich auch mal eine geregelte Pause hinzubekommen.
Auf der Station ist es sicherlich nicht angenehm, wenn das Klingeln einer Patientin erst nach einer gefühlten Ewigkeit beantwortet wird oder das Essen kalt ist oder keine Blumenvasen für Omas Sträuße zu finden sind. Nichts davon liegt in der Verantwortung der Pflegenden. Weder bereiten sie die Malzeiten zu, noch sind sie für deren Verteilung verantwortlich oder für die Organisation der Dinge, die eben keine Pflegemittel sind. Nun sind sie aber da, die vielen „Schwestern“ und wenigen Pfleger und auf die Ärzte und Ärztinnen kann man schließlich nicht wütend sein. Erstens sind die wichtig, zweitens sind wir von denen abhängig und drittens haben die den Stress und immer Recht.
Pflegende sind im klinischen Setting immer irgendwie und irgendwo sichtbar, spätestens im Stationsstützpunkt. Und Pflegende sind dadurch auch immer angreifbar, die Wut und der Frust landen unmittelbar und zuerst bei ihnen. Immer mehr Pflegekräfte klagen über verbale Übergriffe und sogar tätliche Angriffe. Gerade Frauen brauchen in der Pflege ein dickes Fell, sexualisierte Gewalt schildern viele als an der Tagesordnung. Beschimpfen, bespucken, begrabschen und schlagen: das ist der Respekt, den Pflegekräfte gewöhnt sind. Dieselben Pflegekräfte im Übrigen, für die in Zeiten der Pandemie von den Balkonen applaudiert wird. Vielleicht ist es sinnvoller, sich den Applaus zu sparen und das Gefühl beim nächsten Angehörigenbesuch, Warten in der Notaufnahme oder der eigenen stationären Behandlung wieder herauszuholen. Das wäre das Mindeste!
Den meisten Menschen fällt es relativ leicht Verantwortung für sich selbst oder ein Kind oder jede geliebte Person an Ärzt*innen abzugeben. Das haben wir so gelernt, das sind schließlich die Gött*innnen in Weiß. Ärzt*innen sind, wenn schon nicht unfehlbar, dann mindestens unangreifbar. Geschichten über gescheiterter Kunstfehlerprozesse kursieren allenfalls hinter vorgehaltener Hand.
So landet die Sorge und das damit einhergehende und vielleicht gesunde Misstrauen bei den Pflegenden.
Sie werden als Helferlein und dienstbare Geister der Ärzteschaft wahrgenommen und eben nicht als eigenständige Profession, ohne die ein Klinikbetrieb schlicht vollkommen unmöglich wäre und zwar nicht, weil die Ärzt*innen schließlich nicht alles selber machen können, sondern gerade weil die Ärzt*innen wirklich keine Ahnung von Pflege haben. Das haben Ärzte und Ärzt*innen schlicht nicht gelernt. Nichts davon. So betrachtet gehört die Profession Pflege in der Wahrnehmung der Gesellschaft auf dieselbe Augenhöhe mit der Ärzteschaft. Dass sie genau da nicht ist, hat zahlreiche Gründe. Genau die müssen wir jetzt, nach den Eindrücken der Pandemie angehen und einen nach dem anderen durch entschlossenes politisches Handeln aus dem Weg räumen.

Und in der Altenpflege? Jeder berechtigte Unmut und jede noch so kleinliche Nörgelei landen zuerst bei den Pflegenden. Angehörige neigen dazu, die Früchte ihrer unbestreitbar immensen Pflegekosten eins zu eins von den Pflegekräften zu erwarten. Dabei haben sie leider oft wenig Verständnis für Pflegeplanungen und Mobilisierung und für den dramatischen Mangel an Pflegefachkräften. Natürlich wünschen sie sich für ihre Liebsten das Beste: die rundum Versorgung und einen Betreuungs- und Pflegeschlüssel, der genau das leisten kann. Das wünschen sich die Pflegenden im Übrigen auch. Ausreichend Zeit, Essen in der Geschwindigkeit anzureichen, in der die hochbetagte Person schlucken kann und rechtzeitige Inkontinenzversorgung. Pflegende wollen mobilisieren, Pflegepläne erstellen, Menschen jeden Tag ein bisschen Selbstständigkeit verschaffen, sie wollen die Geschichten kennen und über die Traumata bescheid wissen, um sensibel pflegen zu können. Dazu brauchen sie Zeit, die ihnen das auf Gewinn getrimmte System nicht gibt. Sie sind also auf der einen Seite im selben Boot mit den Klient*innen und den sorgenvollen Angehörigen und auf der anderen Seite die ersten, über die sich der Unmut über die Umstände ergießt. Es ist ein Dilemma: professionelle Pflegekräfte sind zeitlich und energetisch nicht in der Lage die Arbeit zu tun, die sie aufgrund ihrer qualifizierten Ausbildung leisten könnten. Folglich kann diese Arbeit auch nicht wahrgenommen werden, sie bleibt graue Theorie und schöner bunter Schein in den Werbeprospekten der teuren Einrichtungen.
So bleibt das Bild der Pflege das, was es gerade in der Altenpflege schon immer war: ein bisschen waschen und essen anreichen, satt und sauber durch den Park geschoben und anschließend Kaffee und Kuchen servieren. Zu dem Dilemma gehört auch, dass viele alte und kranke Menschen erst dann in eine Pflegeeinrichtung kommen, wenn die häusliche Betreuung an ihre Grenzen stößt oder bereits weit darüber hinaus ist. Schlechtes Gewissen und Versagensgefühle wirft Angehörige, gerade die, die bisher betreut haben zwischen Angst und Hoffnung hin und her. Natürlich hoffen sie, dass es der Mutter, dem Onkel, dem Ehemann, der Oma im Pflegeheim besser geht als zu Hause. Und natürlich fürchten sie, dass es dem Vater, der Tante, der Ehefrau und dem Opa im Pflegeheim besser geht als zu Hause. Auch das müssen die Pflegekräfte auffangen und werden damit diffus auch zu Gegner*innen. Solange wir professionelle Pflege für Senior*innen in Pflegeeinrichtungen immer auch als familiäres Versagen wahrnehmen, bleibt der stille Vorwurf an die Pflegekräfte und beeinflusst natürlich deren Bild in der Gesellschaft.

Während der Corona-Pandemie gehören gerade ältere und kranke Personen zu den Hoch-Risiko-Gruppen. In einem Pflegeheim hat das neuartige Virus leider leichtes Spiel. Manchem Politiker und mancher Politikerin kam dabei die Forderung in den Sinn, die Risiko-Gruppen zu deren Schutz zu isolieren und allen anderen, den Jungen und Starken ein weitgehend normales Leben trotz Pandemie zu ermöglichen. Die Wirtschaft ist in Gefahr und unsere Leistungsgesellschaft will Kinder prüfen. Dieser Vorschlag ist natürlich aus vielen Gründen indiskutabel. Unter anderem auch aus medizinischen und epidemiologischen: irgendjemand muss die Risiko-Gruppe ja auch pflegen und betreuen und die Pflegenden könnten das Virus natürlich auch trotz Besuchsverboten unwissentlich in die Einrichtung bringen. Es gibt tatsächlich Menschen, die daraufhin forderten, die Pflegenden gleich mit einzusperren. 75 Jahre nach Aufhebung des Eheverbotes für „Schwestern“ hat sich also immer noch nicht herumgesprochen, dass professionell Pflegende Menschen mit eigenem Leben, Familien und Interessen außerhalb des Berufes sind. Unfassbar und für alle anderen Berufsbilder vollkommen unvorstellbar: Ich zumindest habe nicht die Forderung gehört, Ingenieur*innen bei BMW einzusperren, damit die in Ruhe ein neues Auto entwickeln können.
Es gibt viel zu tun für die Pflege. Von außen und von innen.

 

 

 

 

 

 

 

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