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Von Helden und Herzen

Wenn Held*innen streiken, sterben Menschen!

Es war schon vor der Corona-Krise kein Geheimnis: die Pflege ist ganz überwiegend weiblich. Auf den deutschen Stationen der Kliniken und Pflegeeinrichtungen erscheinen bis zu 85% Frauen Tag für Tag zum Dienst. Bei allem, was in der Pflege im Argen liegt, war ich mir genau deswegen ganz sicher, dass ein Gender-Pay-Gap nicht zu unseren Problemen gehört. Eines Nachtdienstes wurde ich im Gespräch mit einer Kollegin jäh eines Schlechteren belehrt. Gleiche Qualifikation, gleiche Tätigkeit, gleiche Fortbildungen und doch eine deutliche Gehaltslücke. Ich, der Mann, hatte gut 200 Euro brutto mehr auf dem Gehaltszettel. Wie geht das? Nun, ich habe in meiner ersten Ausbildung zum Bankkaufmann von Beginn an gelernt, zu klotzen, statt zu kleckern: Von den eigenen Fähigkeiten, erst recht wenn sie durch Fortbildungen verbrieft sind, müssen Vorgesetzte und Personalverantwortliche umgehend erfahren und es ist mein gutes Recht, dass sich alles positiv auf meine Gehaltsentwicklung auswirkt. Genau so habe ich das in der Pflege dann auch gemacht und war regelmäßig Gast in der Personalabteilung. Meine Kollegin hingegen war als Pflegerin in der ersten Ausbildung dankbar, wenn sie überhaupt an Fortbildungen teilnehmen durfte und die auch noch mit viel Glück und Gnade durch die Klinik zumindest teilfinanziert wurden. Daraus Gehaltsansprüche abzuleiten, kam ihr schlicht nicht in den Sinn. Wenn man dann noch die Erkenntnis einbezieht, dass Frauen anders und weniger aggressiv verhandeln als Männer, bleibt die bittere Erkenntnis, dass hier nicht zum Vorteil der Pflegenden agiert wird. Wertschätzender Umgang mit händeringend gesuchten Fachkräften geht vollkommen anders. Während den Pflegenden in der gesellschaftlichen Wahrnehmung nur wenig Verantwortung zukommt, spüren sie umgekehrt einen enormen Druck auf sich lasten. Kein Wunder: immerhin sperren wir sie ja auch während pandemischer Lagen nicht in den Kliniken und Pflegeheimen ein, sondern lassen sie ein freier Teil der Gesellschaft sein. Und diese Gesellschaft hält ihnen natürlich den Spiegel vor, nämlich das ganze Zerrbild aus Aufopferung, Nächstenliebe und Dienstbarkeit.

Pflegende sind Profis, nicht „Herzwerker“

Zur Unterstützung der Entscheidungsfindung für einen Pflegeberuf bietet das Bayerische Gesundheitsministerium einen Online-Selbsttest, der die Eignung zum „Herzwerker“ prüft. Das ist genauso bescheuert, wie es sich anhört und überladen mit den ganzen Vorurteilen über die Pflege, die man in den Illustrierten der 1960er Jahre finden konnte. Bestenfalls. Wer den Herzwerker-Test besteht, leidet unter einem behandlungswürdigen Helfersyndrom und ist gerade deswegen eher ungeeignet für den Pflegeberuf. Professionell Pflegende durchlaufen eine mindestens dreijährige hochqualifizierende Ausbildung, die sich an den neuesten pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen ausrichtet. Und weil es Pflegewissenschaften gibt, kann man Pflege sogar studieren. In den meisten europäischen Nachbarländern steht sogar kaum noch eine Pflegefachperson ohne Universitätsabschluss an einem Bett. Bei uns liegt die Akademisierungsquote derweil immer noch weit unter einem Prozent. Meine Offensive im Landtag diese im ersten Schritt auf wenigstens 10% zu steigern, wurde von einem Abgeordnetenkollegen mit einem lapidaren: „Wo kommen wir denn hin, wenn jetzt schon Krankenschwestern studieren müssen!“ quittiert.

So viele Vorurteile in einem Satz.

Und gleichzeitig so viele Wahrheiten zwischen den Zeilen. Die Pflege ist auch heute noch überwiegend weiblich. Klassische „Frauenberufe“ werden schlechter bezahlt als Berufsbilder, die man gemeinhin mit Männern verbindet. Es gibt sogar Untersuchungen, die eine Gehaltsminderung feststellen, sobald der Frauenanteil in einem Berufsbild steigt. In unserer Leistungsgesellschaft misst sich der Wert von Arbeit erheblich an der Bezahlung. Wertschätzung hat somit ein Preisschild. Und auch das mit dem Wert und der Wertschätzung ist ein Teufelskreis. Eine Arbeit, die wenig Geld auf das Konto bringt, wird weniger geschätzt als die, mit der sich ordentlich verdienen lässt. Und Arbeit, die nicht geschätzt wird, wird schlecht bezahlt.

Auch 2020 ist die Teilzeitquote bei Frauen immer noch deutlich höher als bei Männern. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist auch heute noch der Spagat der Mütter, die ihre eigenen Erwerbsarbeit hintenanstellen, was den Wert der Arbeit in der Gewichtung der Familieneinkommen natürlich nicht steigert. Wer Teilzeit bezahlt arbeitet, um gleichzeitig unsichtbare Care-Arbeit zu leisten, hat aus Sicht der Arbeitgeber zudem vermeintlich zeitliche und energetische Reserven. Auf wem lastet wohl der Druck, wenn auf Kante genähte Dienstpläne sich wegen eines Krankheitsfalls in Luft auflösen? Das Dreischichtsystem macht es nicht gerade leichter mit der „Work-Life-Balance“ und der Teilhabe. Zu guter Letzt ist der Beruf fordernd, physisch und psychisch belastend und entgegen der äußeren Wahrnehmung mit viel Verantwortung verbunden.
Zusammengefasst heißt das: Die Arbeitsbedingungen sind schlecht, die Bezahlung ist miserabel und die gesellschaftliche Wertschätzung befindet sich irgendwo im Keller. Bis zur Rente bleiben nur die überzeugten Idealist*innen. Die durchschnittliche Verweildauer in den Pflegeberufen liegt seit langem irgendwo zwischen sechs und acht Jahren. Danach verlieren wir bestens ausgebildete Fachkräfte an andere Branchen. Warum jedoch führen solche Zustände bei Menschen, die sich mit Fug und Recht als systemrelevant betrachten dürfen, nicht zu landeweiten Aufständen und lauten Protesten für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Lohn und mehr Ansehen? Ohne sie könnte ein Krankenhaus oder Pflegeheim schließlich nur noch schließen.

Weder Held*in noch Pflegeautomat

Wenn die Pflege streikt, bleiben Patient*innen unversorgt, können Operationen nicht stattfinden, werden die Alten in den Heimen nicht mobilisiert und auf den Intensivstationen geht es um Leben und Tod. Oder? Das ist nämlich auch so ein Bild aus dem Zerrspielgel, den wir den professionell Pflegenden vorhalten: es ist eure Verantwortung und es liegt in eurer Hand! Wenn ihr unzufrieden seid, können wir das schon irgendwie verstehen, aber wenn ihr in den Arbeitskampf tretet, klebt am Ende Blut an euren Händen. Wollt ihr das? Natürlich wollen sie das nicht und arbeiten folgsam und jammernd weiter, bis sie den Beruf, den sie mit Bedacht gewählt haben, vollkommen entkräftet oder entnervt verlassen. Die professionelle Pflege lässt sich erpressen. Von den Kliniken und von unser aller irrationalen Ängsten. Nichts von alldem macht den Beruf für junge Menschen irgendwie attraktiv. Es fehlt an Nachwuchs, es fehlt an Pflegefachkräften und es ist längst ein Euphemismus, wenn wir von einem „Pflegemangel“ sprechen. Nicht nur während der pandemischen Lage waren die gut ausgebildeten Pflegerinnen unser größtes Problem bei der vielzitierten Überlastung des Gesundheitssystems. Atmungsgeräte, Monitore und Schläuche lassen sich in überschaubarer Zeit für Geld besorgen. Fachpersonal nicht. Da bleiben nur Applaus, eine nie dagewesene Held*innensage und kitschige Bildchen in den sozialen Netzwerken verbunden mit der Hoffnung, dass in der Notlage möglichst viele zumindest zeitweise in den Beruf zurückkehren. Von der Bayerischen Staatsregierung gab es dafür sprichwörtlich einen Apfel und ein Ei in Form von kostenlosen Malzeiten für Pflegepersonal und ein Taschengeld als Dankeschön.
Und die Pflegenden freuen sich über die ungewohnte Wertschätzung und fühlen sich gesehen. Endlich. Nach all den Jahren harter Entbehrungen. Nur vereinzelt sind kritische Stimmen zu hören, die auch für die Zeit nach der Krise mehr fordern. Während der pandemischen Lage wurden elektive Operationen verschoben und die Grundversorgung wurde gedrosselt, um Infektionswellen möglichst beherrschbar zu halten. Auch hier war nicht der Mangel an Bettzeug und Geschirr der limitierende Faktor, sondern der bereits vor der Krise herrschende eklatante Mangel an Pflegefachpersonen. Die kritischen Stimmen, die sich mit einem Schulterklopfen und Schokolade nicht ruhig stellen lassen, müssen sich jetzt Gehör verschaffen. Sie brauchen die volle Aufmerksamkeit einer Profession, die zum Jammern erzogen wurde und der man immer wieder die Unmöglichkeit des organisierten Kampfes um die eigenen Interessen vor Augen geführt und unter die Nase gerieben hat.

Pflegende beschweren sich nicht. Zumindest nicht ungestraft.

Auch während der Corona-Krise gab es am Anfang bereits Berichte über Repressalien gegen Pflegende, die aufbegehrten gegen mangelnden Arbeitsschutz: eine FFP2 Maske für die ganze Schicht, kaum Einwegkittel und zu wenig Desinfektionsmittel. Diese für die Pflegenden lebensbedrohlichen Arbeitszustände sollten ebenso wenig ans Licht kommen wie die Praxis einiger Kliniken, elektive Operationen auch in Erwartung der Infektionswelle doch noch durchzuführen, um das Haus wirtschaftlich rentabel zu halten. Es gab Versetzungen auf andere Stationen und es hagelte Unterlassungsklagen auf die systemrelevanten Heldinnen und Helden, die eigentlich nur ihren Beruf so ausüben wollen, wie sie ihn gelernt haben. Mit Sorgfalt und mit dem besten möglichen Schutz der eigenen Gesundheit. Wenn es um die „Volksgesundheit“ geht, haben die Pflegenden sich selbst also immer noch zurück zu nehmen. Unterorden unter das große Ganze.

Man möchte fast meinen, dass die Entscheidenden es doch viel praktischer fänden, wenn es bei der vor 75 Jahren beendeten verordneten Familienlosigkeit für Pflegekräfte geblieben wäre.

Als ich selbst in den Osterferien die Pause im Parlamentsbetrieb nutzte, um in einer Klinik meines Stimmkreises auszuhelfen, wurde sogar ich als Mitglied des Landtages von der Klinikleitung dringend gebeten, den Mangel an Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel nicht öffentlich zu thematisieren. Natürlich habe ich darüber geredet, wie befremdlich und gefährlich es ist, bei der Pflege von Covid19 Erkrankten dieselbe Maske bei jedem Betreten des Zimmers wieder überziehen zu müssen. Natürlich gibt es die Aufforderung an die Bevölkerung die medizinischen Masken dem medizinischen Personal vorzubehalten und sich notfalls an die Nähmaschine zu setzen. Ansonsten wird der Mangel an Ausrüstung mehr oder weniger achselzuckend als Gott gegeben hingenommen und Politiker*innen feiern noch so kleine Lieferung mit viel Glanz und Gloria. Und zwar egal, ob die Amigo-Lieferung taugt oder nicht. Die Pflegenden spielen längst keine Rolle mehr, wenn sich die Heckklappe eines Transportflugzeugs dramatisch öffnet. Würden sie es nämlich tun, wären solche Pressetermine aus Rücksicht auf das gesamte medizinische Personal keine riesigen Corona-Partys mit Live-Schalte in die Tagesschau. Wie groß wäre wohl die Empörungswelle, wenn Pilot*innen und Fluglots*innen sicherheitsrelevantes Arbeitsmaterial nicht bekämen und trotzdem nicht streiken sollen. Mir fehlt für ein solches Szenario einfach die Fantasie. Den meisten Pflegenden auch, deshalb sind die Kliniken und Pflegeheime weiterhin besetzt, die Patient*innen und Bewohner*innen weiterhin nach Kräften versorgt und die versprochene Bonuszahlung vom Bund darf weitgehend folgenlos an unausgegorenen Finanzierungsplänen des zuständigen Ministers scheitern. Das bisschen Häme auf Facebook sitzt Jens Spahn locker aus, während die Schutzleidung für die Intensivstationen aufbereitet wird. Pandemie 2020: wir brauchen heißes Wasser und saubere Tücher! Man kommt sich vor wie in einem sehr alten und sehr schlechten Film. Unterdessen bemühen sich Pflegefachkräfte in den ruhigeren Diensten ihre Fähigkeiten zu verbessern, schulen sich gegenseitig an Beatmungsgeräten und studieren Covid19 Fallverläufe während sie die kostenlose Brotzeit essen. Laut sind sie nicht. An keinem Punkt ihrer Ausbildung und zu keiner Zeit in ihrem Job hat wurde ihnen ein angemessenes Selbstbewusstsein eingeimpft. Lehre und Arbeit sind selbst noch gefangen in den eigentlich überkommen geglaubten Bildern der Pflege. Die professionelle Pflege braucht ein gutes und umfassendes Coaching und einen neuen Blick auf sich selbst

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