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Vom Recht auf psychische Gesundheit im Alter: Zwei Geschichten.

Ein Gastbeitrag von Tina Meffert

Auf meiner Reise durch Georgien wurde ich als Gast in mir teils ganz unbekannten Familien herzlich aufgenommen – und durfte erfahren, wie die alten Menschen dort und in ihren Dörfern leben. Natürlich kann man die georgischen sozioökonomischen Gegebenheiten nicht mit jenen hierzulande vergleichen. Dennoch bleibt mir ein Bild wie eine Fotografie in Erinnerung, das ich nicht vergessen werde:

Jeden Morgen saß Urgroßmutter Bebo in der warmen Küche. Beinah zahnlos und zerbrechlich, das Augenlicht geschwächt und schwerhörig, schälte sie mit ihren arthritischen Händen die Kartoffeln für den Abend, schürte das Feuer im Ofen, fütterte liebevoll die Katze zu ihren Füßen. Dann ging sie in den Garten, um die Truthähne und das Schwein zu füttern, die Kräuter zu gießen und zu zupfen, so wie es ihre Hände zuließen. Am Mittag und am Abend, wenn die Familie am Tisch zusammenkam, fasste man sie an den Händen. Immer saß sie im Warmen zwischen ihren Kindern und Enkeln, eingefasst durch Nähe: menschliche Nähe. So wie man über Tiflis schimpfte, schimpfte sie über einen kaputten Zaunpfosten. Und jener war genauso wichtig wie das Grollen vor der Rosenrevolution.

Später erfuhr ich von ihrem Sterben im Beisein der Familie, die sie schützend in den Tod begleitete: mit Gebeten und Gesang.

Beinahe zeitgleich beschloss meine Großmutter in Deutschland, nicht mehr am Leben teilhaben zu wollen. Die Trauer und Bitterkeit gruben sich immer tiefer in ihren Tag. Der Körper wurde zusehends gebrechlicher und immer weniger konnte sie selbstständig die Dinge in ihrer Wohnung erledigen. Sie sah sich selbst als nutzlos, als eine Bürde für die anderen. Den Pflegedienst lehnte sie lange ab, auch die Haushaltshilfe war nicht akzeptiert, und ihr Leid bahnte sich den Weg in die tiefe Depression. Ihre Bekannten starben, die wenigen verbliebenen Angehörigen weit weg – so saß sie tagein, tagaus in ihrem Sessel und wartete, dass ihr Geist nicht mehr leben, ihr Herz endlich aufhören solle zu schlagen. Als Enkelin konnte ich nur wenig tun. Die Gespräche – und Spaziergänge – drehten sich im Kreis. Für Hilfsangebote und gute Nachrichten war es zu spät. Wir haben nicht rechtzeitig erkannt, wie schlecht es ihr psychisch ging. Ihre Ärzt*innen verschrieben ihr Schmerz- und Beruhigungsmittel, Schilddrüsen- und Herzmedikamente.

Sie starb einsam und allein, mit gebrochenem Herzen und Schmerzen an Leib und Seele.

 

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe warnt nach einer Online Umfrage vor der unterschätzten Gefahr von Depressionen bei Senior*innen. In der Altersgruppe der über 65-Jährigen wird sie spät oder gar nicht erkannt. Selbst wenn sie diagnostiziert wird, stehen nur noch 12% der depressiven Patient*innen psychotherapeutische Maßnahmen zur Verfügung. Ein Großteil der Befragten meint, dass Betroffene gar keine Hilfsangebote annehmen wollten, und dass die Depression lediglich als Reaktion zu bewerten sei.

In unserer Gesellschaft werden die offenkundigen Symptome einer Depression häufig als „normale“ Begleiterscheinung des Alters interpretiert, die Wirksamkeit und Effizienz von Verhaltenstherapien als niedrig angesehen. Menschen, deren Aufenthalt im Pflegeheim als letzte Station gesehen wird, könne man auch durch Verhaltens- oder Psychotherapie ohnehin keinen wahren Sinn mehr vermitteln. Dies ist leider eine weit verbreitete und höchst unreflektierte Meinung. Medikamentöse Behandlungen setzen oft falsch an: gegen die innere Unruhe oder Schlaflosigkeit werden Benzodiazepine verschrieben und nicht selten werden die Patient*innen mit noch stärkeren Psychopharmaka ruhiggestellt.

Die Altersdepression wird immer noch viel zu oft verkannt oder gar verharmlost.

Unerkannte und nicht behandelte Depressionen gehören zu den gefährlichsten Erkrankungen. Das Risiko an einem Suizid zu versterben ist bei älteren Menschen extrem erhöht. Die Suizidrate steigt bei Männern über 70 Jahre, bei denen eine Depression noch seltener als bei Frauen festgestellt wird, auf das Sechsfache. In den Statistiken sind nicht die Zahlen zu den „stillen“ Suiziden enthalten, etwa wie durch Nahrungsaufnahmeverweigerung o.Ä.

Und: Depressionen sind nicht nur auf das Vorliegen einer schweren körperlichen Erkrankung zurückzuführen. Eine depressive Störung muss rechtzeitig diagnostiziert und adäquat behandelt werden. Es bedarf der Schulung von Fachkräften, gleichermaßen den betreuenden Ärzt*innen wie Pflegefachkräften, frühzeitig zu erkennen, dass ein Mensch Hilfe braucht – oder auf andere Weise um Hilfe ruft.

Alle Menschen haben das gleiche Recht auf psychische Gesundheit.

Wir müssen Sorge tragen, dass alten Menschen Hilfe ebenso zusteht wie den jungen – und darüber hinaus, dass es gar nicht erst soweit kommt. Dafür muss unsere Gesellschaft aber über Pflegekonzepte hinaus Sorge tragen.

Wir müssen unsere Sicht auf eine alternde Generation ändern, die weg- und abgeschoben, die vergessen wird, der man keinen Raum mehr gibt, deren Sinnhaftigkeit angezweifelt wird und der die selbstverständliche Teilhabe am (öffentlichen) Leben verwehrt wird.

Wann wollen wir endlich (wieder) unseren Alten respektvoll und menschlich ihre Würde zurückgeben, ohne an ihrer Einsamkeit und (Pflege-)Bedürftigkeit nur ein Geschäftsmodell zu sehen? Wann wollen wir endlich wieder gemeinsam mit ihnen leben und ihnen ermöglichen, ein Leben zu leben, das sie weder ausgrenzt noch auf ein Abstellgleis schiebt? Wann hören wir wieder hin, wenn ein Mensch Hilfe braucht? Wann nehmen wir uns endlich wieder die Zeit, mit ihm Kaffee zu trinken oder gemeinsam das Blumenbeet zu jäten?

Ich sehe immer noch diese zwei Frauen, die gegangen sind – auf unterschiedlichste Art. Die eine ist lächelnd und behütet gegangen – die andere traurig und einsam.

 

Foto: Tina Meffert, 2001, Georgien

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