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Vom Ende und Neubeginn

Was am Ende bleibt

Strukturelle Veränderungen haben ihre Zeit nicht in der akuten Phase der Bedrohung. Natürlich muss der Laden in der Krise laufen so gut es geht und jetzt dürfen sich alle Pflegenden und alle anderen Beschäftigten der Kliniken den gespendeten Kaffee und die Schokolade schmecken lassen.
Sobald die Krise jedoch beherrschbar wird, müssen wir den Drive, die allgemeine Betroffenheit und das Bewusstsein in den sich normalisierenden Alltag herüberretten. Dann ist die Zivilbevölkerung aufgefordert, weiterhin solidarisch mit der Pflege zu bleiben und an ihrer Seite für all die notwendigen Verbesserungen zu kämpfen, die wir brauchen.
Der Impuls, die Verbesserungen in der Profession Pflege anzustoßen muss und kann dabei aber nur aus der Profession selbst kommen. Niemand sonst kann dabei eine Schlüsselposition einnehmen. Der Kampf um Selbstbestimmung und Selbstverwaltung kann nur von innen heraus geführt werden, um nicht gleich zu Beginn seine Glaubwürdigkeit einzubüßen.
Die Professionelle Pflege muss nach der Krise mit Konzepten und eindeutigen Forderungen an die Verhandlungstische der Politik. Dabei kann sie die Gesellschaft als Sprachrohr mitnehmen, sie aktiv einbinden und verständlich informieren. Die Gesellschaft, also wir alle, denen die Betroffenheit von den Belangen der Profession Pflege durch die Corona-Krise so schlagartig deutlich geworden ist, kann der Pflege und ihren Forderungen den Rücken stärken.
Ein auf Gewinn ausgerichtetes Gesundheitssystem gefährdet am Ende das, was sie zu schützen vorgibt.
Corona führt uns die eigene Verletzlichkeit vor Augen. Berichte aus Ländern, die von der Pandemie weit stärker getroffen waren als wir es bislang sind, machen zu Recht fassungslos.
Es wird dauern, bis aufgearbeitet wurde, ob Ärzt*innen in Frankreich Pflegeheimbewohner*innen wirklich grundsätzlich nicht in die Kliniken brachten, wenn sie eine Covid19 Erkrankung feststellten.
Es wird schmerzhaft, zu ergründen, wie es passieren konnte, dass Pflegeheime in Spanien aufgegeben wurden und die Menschen dort allein starben.
Die Bilder der Massengräber in New York werden sich ebenso wie die einstürzenden Twin Towers in das kollektive Gedächtnis einbrennen. Wir werden noch sehr lange über diese Krise reden und wir müssen gleichzeitig anerkennen, dass sich solche Bedrohungen wiederholen können. Nach Corona werden sich die Regierungen rechtfertigen müssen für Personalmangel und fehlendes Material und sie werden alle versprechen, dass sie aus den Fehlern gelernt haben und dass es nie wieder zu solchen Szenen kommen wird. Achten wir darauf, dass diese Versprechen nicht hohl bleiben. Und stärken wir die, auf deren Rücken solche Krisen ausgetragen werden. Das sind nicht nur die professionell Pflegenden, aber sie sind es wesentlich. Die professionelle Pflege ist der mit Abstand größte Zweig unseres Gesundheitswesens. In diesem Bild ist sie eigentlich sogar der Stamm. Wenn wir unsere Gesundheitsversorgung also wieder vom Kopf auf die Füße stellen wollen, sind wir gut beraten, die Reformen von allen Bereichen der Pflege aus zu denken. Und weil Pflege uns alle angeht, wäre damit auch an alle gedacht.
Wenn wir das Verständnis der Pflege als systemrelevant in die Zeit nach der Krise retten können und die professionelle Pflege angesichts pandemischer Bedrohungen und angesichts der Entwicklung der Gesellschaftsstruktur als Daseinsvorsorge erfassen, dann verstummen auch die Diskussionen über Zwei-Klassen Medizin und Klinikschließungen.
Wenn Pflege das sein darf, was sie sein kann, ganzheitliches individuelles Gesundheitsmanagement nämlich, nimmt sie auch die Schärfe aus der Diskussion der gleichwertigen Lebensverhältnisse in Stadt und Land. Gemeindliche Familien-Gesundheitspflege kann nicht nur angemessener auf die Gebrechen Hochbetagter reagieren, sondern auch beispielsweise suchtpräventiv arbeiten.
Sie kann sich in allen Fragen zur gesundheitlichen Vorbeugung und Heilung mit den Ärzt*innen und den Heilsmittelerbringer*innen vor Ort vernetzen und unterschiedliche Unterstützungen in die wissenschaftlich fundierte Pflegeplanung aufnehmen.
In den Pflegeheimen und auf den Stationen könnten Menschen ihren Berufen nachgehen, so wie sie es gelernt haben und wie es ihre Kompetenzen zulassen. Sie könnten von ihren Gehältern gut leben und es wäre möglich, Beruf und Familie zu verbinden. Freizeit wäre meistens zuverlässig planbar und die Arbeitsbedingungen würden es leicht machen, bis zur Rente dabei zu bleiben. Engagierte und zielstrebige Studierende mit medizinischen Interessen könnten sich entscheiden, ob sie in der Pflegeforschung am Erhalt von Lebensqualität für alle arbeiten möchten oder vielleicht doch lieber als Praxisanleitende auf der Intensivstation.
Die Zeit nach Corona könnte eine schöne neue Pflegewelt für uns bereithalten. Die Pflegenden müssen diese Zukunft mit einer starken Stimme einfordern und die Zivilgesellschaft darf diese Forderungen begleiten. Dann kann und muss die Politik reagieren und die Pflegelandschaft neu gestalten.

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