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Teilhabe in allen Lebenslagen: zur Herbstklausur der grünen Landtagsfraktion

In allen Lebensphasen ist Selbstbestimmung für uns von unschätzbarem Wert. Wir wollen abwägen, Entscheidungen treffen und unseren Weg selbst finden. Für den einen mag Familie das wichtigste sein, während die andere vor allem für ihren Beruf brennt. Wir wollen entscheiden, wo wir wohnen und mit wem wir leben und wen oder wie wir lieben.
Das Streben nach Selbstbestimmung ist allen Menschen zu eigen und endet nicht mit Alter oder Krankheit oder Beeinträchtigung. Wir geben unsere Persönlichkeit und unsere individuellen Bedürfnisse nicht ab, wenn wir pflegebedürftig werden und sie bleiben auch dann ein Teil von uns, wenn wir sterben.
Selbstbestimmung bis zum Schluss ist daher ein zutiefst menschliches Bedürfnis und sie zu beschneiden ist eine Entmündigung der verletzlichsten Personen unserer Gesellschaft. Wie wollen wir als Gesellschaft mit denen umgehen, die unsere Hilfe, unsere Pflege und unser Vertrauen brauchen? Für mich steht fest: Dein Leben gehört dir. Dein Sterben auch. Du bestimmst!

Zum Weiterlesen: unser Antrag in der Fraktionsklausur
(von Christina Haubrich und Andreas Krahl)

A4: Selbstbestimmt leben im Alter, Teilhabe fördern und Zusammenhalt stärken
1 Die dank medizinischen Fortschritten und gesünderer Lebensführung deutlich
2 gestiegene Lebenserwartung bietet heute vielen Menschen die Möglichkeit, das
3 Leben bis ins hohe Alter aktiv zu gestalten. Die Menschen werden älter denn je
4 und bleiben dabei lange gesund. Auch die Zahl der Menschen, die trotz
5 körperlicher, seelischer oder geistiger Einschränkungen Lebensqualität genießen
6 und sich in ihrem Umfeld eingebunden fühlen, ist deutlich gestiegen. Noch nie
7 gab es eine Generation, die im Alter so fit war.
8 Diese schöne Entwicklung wollen wir aufnehmen und zielgerichtet die
9 Gesundheitsförderung in der Alltagswelt der Seniorinnen und Senioren ausbauen.
10 Wir wollen systematische Präventionspolitik und eine besseres Miteinander
11 innerhalb der Themen, Sektoren und Trägerlandschaften. Bestehende Ressourcen in
12 Einrichtungen wollen wir zielgruppenspezifisch und flächendeckend vernetzen.
13 Dabei gilt es, auch das Wohnumfeld und die Chancen und Möglichkeiten der
14 Digitalisierung zu nutzen.
15 Gesellschaftlicher Zusammenhalt misst sich auch am Umgang mit denen, die nichts
16 mehr oder weniger für die Gesellschaft leisten können. Selbstbestimmtheit und
17 Teilhabe müssen auch bei Hilfs- und Pflegebedürftigkeit gewährleistet bleiben.
18 Zusammenhalt bedeutet hier für uns klar, solidarisch füreinander einzustehen.
19 Dazu setzen wir uns auf Bundesebene für die attraktive Teilrente ab 60 Jahren
20 und für eine Grüne Bürgerversicherung ein. Rentenbezug, Teilzeitarbeit, Verbleib
21 im Vollzeiterwerb oder Ehrenamt: Selbstbestimmtheit braucht flexible und
22 solidarische Lösungen.
23 Teilhabe durch Prävention
24 Wir Grüne wollen den Fokus auch auf die Personen richten, die sich dem Ende des
25 Berufslebens nähern. Noch zu häufig wird das Alter mit Ängsten verknüpft, wie
26 beispielsweise dem Verlust der Selbstbestimmtheit. Hier wollen wir uns auf
27 Landesebene für ein präventives Beratungsangebot einsetzen, das im bayerischen
28 Präventionsplan fest verankert wird. Dazu gehören neben den Einzelprojekten auch
29 regelmäßige “Teilhabewochen“, die Bürgerinnen und Bürger über Möglichkeiten der
30 gesellschaftlichen Teilhabe im Alter informieren. Wir wollen den demographischen
31 Wandel mit Mut gestalten und die älter werdenden Menschen stärken. In Anbetracht
32 der zunehmend alternden Bevölkerung wollen wir deutlich mehr auf das sich
33 abzeichnende neue Bevölkerungsbild in Bayern eingehen mit einem Gesamtkonzept
34 auf die Lebensphase vorbereiten, die sich an Familienarbeit und Beruf
35 anschließt.
36 Studien zeigen einen Anstieg von Depressionen in zeitlicher Nähe zum
37 Renteneintritt. Oftmals gehen Depressionen auch mit anderen Erkrankungen einher.
38 Wir wollen Kampagnen starten, die neben gezielten Bewegungs- und
A4: Selbstbestimmt leben im Alter, Teilhabe fördern und Zusammenhalt stärken
39 Ernährungsprogrammen zielgruppenspezifisch über Symptome der Depression oder
40 anderer psychischer Erkrankungen im Alter aufklären. Wir wollen Betroffene und
41 Angehörige ermutigen, offen über diese Themen zu sprechen und bestehenden
42 Stigmatisierungen und Vorurteilen entgegentreten. Denn besonders im Alter findet
43 häufig eine Tabuisierung psychischer Erkrankungen statt. Auch Antriebslosigkeit
44 im Alter, die oftmals einhergeht mit einer körperlichen Einschränkung und
45 sozialer Vereinsamung, wollen wir in unserem Konzept für präventive
46 Beratungsangebote aufgreifen. Unser Ziel ist es, den Alterungsprozess positiv zu
47 gestalten und im Falle von Hilfebedürftigkeit Unterstützungsangebote und
48 Möglichkeiten Betroffene und Angehörige aufzuzeigen.
49 Selbstbestimmt wohnen, den Zusammenhalt generationsübergreifend und
50 kultursensibel stärken
51 Selbstbestimmtes Wohnen spielt auch im Alter eine große Rolle. Denn Wohnen
52 bedeutet viel mehr als ein Dach über dem Kopf – Selbstbestimmtheit,
53 Privatsphäre, Wohlfühlen, Sicherheit, Treffpunkt etc. Alternative Wohnformen,
54 wie z.B. Wohn-, Hausgemeinschaften und Mehrgenerationenhäuser, werden zunehmend
55 interessanter und verschieben die Entscheidung „Alten- und Pflegeheim“ ins hohe
56 Alter, bzw. ersetzen sie. Mit diesen Wohnformen ist nachbarschaftliches,
57 generationsübergreifendes Miteinander und solidarische Hilfe möglich. Wir Grüne
58 sehen im Zusammenspiel zwischen Jung und Alt potenzielle Synergieeffekte, die
59 wir nutzen wollen. Auch für Menschen mit Krankheiten, wie z.B. Demenz und
60 Multiple Sklerose, sind Betreuungs- und Wohnformen außerhalb des Alten- und
61 Pflegeheims möglich. Für die erfolgreiche Umsetzung solcher Wohnprojekte braucht
62 es zielführende politische Rahmenbedingungen und eine aktive Rolle der Kommunen.
63 Die neue Generation der „Alten“, die ihr Leben selbstbestimmt führt, zeigt uns
64 klar, dass die gängigen gegenwärtigen Hilfen wie ambulanter Pflegedienst und
65 daran anschließend Pflegeheim nicht mit deren aktiven Lebensvorstellungen
66 vereinbar sind. Diese Hilfen werden heute in der Regel deutlich später in
67 Anspruch genommen.
68 Wenn der Verbleib in der eigenen Wohnung nur schwer oder gar nicht mehr möglich
69 ist, wollen wir wohnortnahe Alternativen an Pflegezentren bereitstellen. Dazu
70 wollen wir die Kommunen und die Trägerlandschaft unterstützen, Angebote wie die
71 stationäre Kurzzeitpflege oder Tagespflege auszubauen. Parallel wollen wir die
72 ambulante Verhinderungspflege stärken.
73 Die Implementierung eines vielfältigen Hilfeangebots an solchen Zentren
74 unterstützt Betroffene und Angehörige, egal ob informativ, administrativ oder
75 als Anlaufstelle für Wohngemeinschaften. Mit der doppelten Pflegegarantie wollen
76 wir die Kommunen finanziell entlasten: Behandlungspflege wird durch die
77 Krankenkassen finanziert, um die Pflegeeigenteile drastisch zu senken. „Hilfe
78 zur Pflege“ nach SGB XII müsste damit deutlich seltener in Anspruch genommen
79 werden. Dieses Geld bleibt den Kommunen zum Gestalten der Pflegesituationen vor
80 Ort erhalten.
81 Gesundheitsbezogene Interventionen und Dienstleistungen müssen dabei noch
82 stärker kultursensibel gestaltet werden. Erforderlich ist ein Diversity
83 Management, das Bedürfnisse aller Menschen – unabhängig von ihrem
84 Migrationshintergrund – weitmöglich berücksichtigt.
85 Zusammen neue Wege gehen
86 Aktiv teilhaben heißt auch sich fortbewegen können. Bei Körperlichen
87 Einschränkungen, psychische Erkrankungen oder bei Angst und fehlendem Vertrauen
88 auf die eigene Kraft gehen ältere Menschen nicht mehr vor die Tür und scheuen
89 vielleicht auch, Nachbarn um Hilfe zu bitten. Der Gefahr der Isolation wollen
90 wir mit der Hilfe zur Selbsthilfe begegnen, indem Betroffene eine Assistenz für
91 den Umgang mit Behörden, Kliniken, Versicherungen und Sonstigem bereitgestellt
92 bekommen. Das bedeutet, dass sich Betroffene über die Präventionsberatung
93 anmelden und eine solche Assistenz „buchen“ können. Damit reagieren wir auch auf
94 gesellschaftliche und familiäre Veränderungen und die Zunahme von Single-
95 Haushalten.
96 Fortbewegung und Teilhabe im Alter brauchen gute räumliche Bedingungen in den
97 Städten und ländlichen Kommunen. Dazu zählen Barrierefreiheit, ein attraktiver
98 öffentlicher Nahverkehr, Erreichbarkeit von Einrichtungen der Daseinsvorsorge,
99 Läden, Arztpraxen, Freizeit- und Kultureinrichtungen. Auch eine attraktive
100 Gestaltung öffentlicher Plätze und Straßen fördert den gemeinschaftlichen
101 Aufenthalt und damit die Teilhabe am öffentlichen Leben.
102 Zusammen die digitale Teilhabe fördern
103 Das digitale Zeitalter macht vor dem Alter nicht Halt. Viele nutzen bereits das
104 Internet und können komfortabel mit ihren weit entfernt lebenden Kindern täglich
105 kommunizieren. Sie können online Arzttermine vereinbaren oder ganz einfach durch
106 das Netz surfen. Gleichzeitig fordert die rasant fortschreitende Digitalisierung
107 viele auch heraus. Bankgeschäfte können immer weniger ganz klassisch am Schalter
108 getätigt werden, manche Fahrkartenautomaten machen ratlos. Hier sehen wir die
109 Notwendigkeit von kostenlosen Seminaren und Workshops, die verstärkt die alten
110 Menschen unter anderem mit Online Banking und Touch Screens vertraut machen.
111 Digitale Assistenten, wie Senioren-Apps, helfen den Alltag zu erleichtern. Das
112 lebenslange Lernen steht im Mittelpunkt und wir wollen die Digitalkompetenzen
113 und -souveränität im Alter stärken.
114 In der flächendeckenden Versorgung mit leistungsstarkem Glasfasernetz, sehen wir
115 die Voraussetzungen für die digitale Teilhabe beim selbstbestimmt alt werden,
116 vor allem in den eigenen vier Wänden. Der Einsatz von innovativen
117 Alltagskonzepten wie Smart-Home-Technologien, Telecare oder die Robotikassistenz
118 werden bereits an unterschiedlichen Universitäten in Zusammenarbeit mit
119 Versorgungseinrichtungen erforscht. Unter dem Titel „RoboLand“ wurde an der
120 Universität Fulda ein Projekt initiiert, dass die Telepräsenz von Robotern
121 untersucht. Der Einsatz von Telepräsenz-Robotik für zu Hause lebende Personen
122 mit Demenz und deren Angehörige werden hier erforscht. Dabei wird ganz besonders
123 wert gelegt auf die Selbstbestimmungsmöglichkeiten in jeder Phase der Demenz.
124 Die „Leuchtturminitiative Geriatronik – Roboterassistenten für ein
125 selbstbestimmtes Leben im Alter“ ist ein Pilotprojekt in Garmisch-Partenkirchen.
126 Die TU München hat dazu ein Forschungszentrum Geriatronik eröffnet, welches in
127 enger Zusammenarbeit mit Kliniken, Pflegeeinrichtungen und Pflegeschulen
128 forscht. In Garmisch soll eine Modellkommune entstehen, in der mit
129 Roboterassistenten neue Technologien erprobt werden. Wir Grüne wollen in ganz
130 Bayern solche Schlüsseltechnologien ausbauen. Investitionen aus öffentlichen und
131 privaten Mitteln in Startups wollen wir fördern und einbinden in zukünftige
132 Projekte. Wir sollen Vorurteile und Ängste gegenüber der digitalen Welt abbauen,
133 Datensicherheit garantieren und das Zwischenmenschliche niemals aus den Augen
134 verlieren.
135 Selbstbestimmt in der letzten Lebensphase
136 Selbstbestimmt leben im Alter endet nicht mit Pflegebedürftigkeit. Bei besonders
137 vulnerablen Patientengruppen gilt es, die Vorstellungen und Wünsche von
138 Patienten nicht zu ignorieren. Hierzu zählt auch, über Aufklärungskampagnen und
139 Bewusstseinsbildung die Patientenverfügung als Instrument der Selbstbestimmung
140 zu nutzen. Die Lebensqualität der Betroffenen steht dabei für uns im
141 Mittelpunkt.
142 Die Bedürfnisse schwerstkranker und sterbender Menschen sind Kernpunkte in der
143 Hospiz- und Palliativarbeit. Es geht darum, den Menschen als Ganzes zu erfassen
144 und ihn und seine Angehörigen würdevoll zu begleiten. Möglichkeiten der
145 Palliativmedizin machen Selbstbestimmtheit am Lebensende möglich.
146 Für unser Ziel, den Menschen auch im Falle von Pflegebedürftigkeit so lange wie
147 möglich ein Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen, unterstützen wir
148 die spezialisierte ambulante Palliativversorgung und wollen in diesem Bereich
149 die flächendeckende Versorgung erreichen. Mit Kampagnen wollen wir uns den
150 Ängsten Betroffener und Angehöriger widmen und für das Thema sensibilisieren.
151 Mit einem Monitoring wollen wir die regionalen Bedarfe einer Palliativversorgung
152 realitätsnah analysieren. Das Versorgungsangebot besonders im ländlichen Raum
153 ist oft noch unzureichend. Daher setzen wir uns für eine gut ausgestattet
154 Palliativversorgung in der Landeskrankenhausplanung ein.
155 Die etwa 7.000 ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen und Hospizbegleiter in Bayern
156 leisten täglich Großartiges und verdienen unsere Anerkennung. Die Möglichkeit,
157 am Lebensende selbstbestimmt über zwischenmenschlichen Kontakt zu entscheiden,
158 ist für uns Grüne enorm wichtig. Wir wollen die Menschen bei der Ausführung des
159 Ehrenamts unterstützen. Gleichzeitig wollen wir uns aber nicht auf dem
160 freiwilligen Engagement ausruhen. Wir sichern im Pflege- und Wohnqualitätsgesetz
161 die Hospizarbeit mit personeller Ausstattung und Finanzierungsmöglichkeiten
162 durch den Freistaat.

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