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Sprache schafft Wirklichkeit: Angst oder Mut?

(Ein Gastbeitrag von Tina Meffert)

In dieser Zeit, in der die Corona Pandemie unser aller Leben so einschneidend betrifft, verändert sich offenkundig unsere Sprache, und damit auch das Abbild der Welt, die wir wahrnehmen. Die Nachrichten überschlagen sich mit der Entwicklung der Pandemie. Aber was macht das mit uns?

Abstand halten

ist geboten, um weder unsere Mitmenschen anzustecken noch uns selbst zu gefährden.  Abstand ist der wichtigste Faktor, um den Anstieg der Infektionskurve abzuflachen.
Das Wort Kontaktverbot ist natürlich negativ konnotiert: Ich darf niemanden besuchen, ich darf nicht näher als höchstens 1,5 m an jemanden herankommen, ich muss …

… Distanz wahren.

Kommunikative Gesten und Berührungen sind untersagt – nicht nur gefühlt bedeutet dies Isolation und ein „sich Entfremden“ von anderen. Insbesondere alleinstehende (ältere) Personen, aber auch Alleinerziehende, psychisch kranke Menschen leiden unter der gebotenen Isolation.
Obdachlose, deren Überleben an jetzt geschlossene Rückzugsorte gebunden ist: sie alle kämpfen mit dem Gefühl, abgeschnitten und hilflos zu sein. Noch einsamer.

Sogar Kriegsrhetorik findet Eingang in den Reden mancher Politiker*innen und in den Medien.

Hier liest und hört man Begriffe wie „Der unsichtbare Feind“, „Kollateralschäden“ im Zusammenhang mit der „Herdenimmunisierung“, „Ausgangssperre“ weckt Erinnerungen an Kriegszeiten, apokalyptische Visionen finden Eingang in unser Denken.

Wir alle machen uns Sorgen

um die eigene Gesundheit und die unserer Liebsten und Mitmenschen. Angesichts der katastrophalen Entwicklungen in der ganzen Welt und der auch bei uns immer noch drohenden Überforderung des Gesundheitssystems und nicht zuletzt die Tatsache, dass wir nicht erst mit der Corona Pandemie in eine humanitäre Katastrophe schlittern: Viele verstehen jetzt erst, unter welchen Bedingungen Pflegekräfte und andere systemrelevante Berufe arbeiten (um jenes momentan prominente Wort zu benutzen) unter unzumutbaren Bedingungen.

Systemrelevant

Kann „Systemrelevant“ ein Umdenken und konsequentes Handeln seitens der Staatsregierung bewirken? Dass ein Danke und Applaus nicht reicht? Dass das Wort Pflegenotstand eine Verharmlosung sowohl für die Profession Pflege als auch für die zu Pflegenden darstellt – und damit offenbar einen Anlass bietet, endlich zu handeln?

Eine gewisse Wortwahl und Begrifflichkeiten, ob unachtsam oder bewusst gewählt, beeinflussen unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung. Worte können stigmatisieren, diskriminieren oder manipulieren: Im (alltäglichen) Sprachgebrauch – seitens unseres Umfelds, aber auch der Medien. Auch hiermit wird eine (soziale) Distanz geschaffen und aufrechterhalten, Verunsicherung ist die Folge.

Worte können bedrohliche Szenarien beschwören, verunsichern und schlimmstenfalls sogar Suizidalität forcieren.

Seit eh und je prägt die Sprache unser Denken und unser Verhalten. In dieser seit dem Zweiten Weltkrieg nie dagewesenen Krise sammeln wir nun als Gesellschaft Erfahrungen, nämlich auch, wie wir zusammenhalten können, füreinander, auch auf Distanz füreinander da sein können. Hier ist die Sprache wichtig: Wohlüberlegte Worte geprägt von Einfühlsamkeit, Achtsamkeit und Respekt helfen uns viel mehr als eine spaltende, aggressive und Hoffnungslosigkeit vermittelnde Wortwahl.

Was also können wir tun, um uns nicht zu sehr ängstigen zu lassen von negativen Wordings?

Wir sollten sensibilisiert sein. Ein Bewusstmachen der Tonalität in den Medienberichten kann helfen, die Wucht etwas abzufangen. Wenn wir aufmerksamer in der Rezeption angstmachender Worte sind, können wir versuchen Abstand zu nehmen und diese zu ersetzen durch weniger gewaltige. Wir KÖNNEN beispielsweise der Kriegsrhetorik etwas entgegensetzen und sie relativieren, wenn wir uns derer bewusst werden.

Wir KÖNNEN mit unseren Mitmenschen bewusster kommunizieren,

sie aufmuntern und versuchen, auch positive Aspekte mit ihnen zu eruieren, Vorschläge für den Alltag machen, gemeinsam – auch auf Distanz – den Alltag zu gestalten, kleine Herausforderungen annehmen (den Dachboden ausmisten; ein Gedicht schreiben; sportliche Challenges anzunehmen – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt).

Wir KÖNNEN Hilfe anbieten

bei den Nachbar*innen, wir können uns bei Telefondiensten anmelden, um ein offenes Ohr zum Beispiel für Senior*innen-Sprechstunden anzubieten.

Wir KÖNNEN uns freuen für diejenigen, die gesundet sind oder keine (schwereren) Symptome hatten in unserem Umfeld. Wir können sie beglückwünschen.

Wir KÖNNEN Blut spenden oder uns als Aushilfskräfte zur Verfügung stellen.

Und wir KÖNNEN auch versuchen, den Gedanken anzunehmen, dass manche von uns – nicht alle – ein wenig mehr Zeit haben für sich, für die Kinder und andere im Haushalt lebende Angehörige.

Wir KÖNNEN eingeschlafene Kontakte reaktivieren, mit Menschen kommunizieren, für die im Alltag irgendwie nie die Zeit war.

Wir KÖNNEN solidarisch sein

und Dinge des alltäglichen Lebens bei unseren Einzelhändler*innen vor Ort einkaufen; Hauskonzerte als Live-Stream geben, Online-Angebote zur Verfügung stellen, um mit anderen in Kontakt zu treten.

So KÖNNEN wir uns das Gefühl zurückholen, dass wir imstande sind etwas zu tun, auch wenn wir auf viele Dinge keinen oder nur einen geringen Einfluss nehmen können. Und wenn wir bewusster Worte wählen, setzen wir der Hoffnungslosigkeit und Bedrohlichkeit etwas entgegen. Und: wir KÖNNEN die Welt im Kleinen mit den vielen kleinen Dingen verändern: mit einem freundlichen Wort, mit einem Lächeln für unser Gegenüber, mit einer mutmachenden Geste: „Ich bin da für Dich.“

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