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Profession Pflege: nein, du bist nicht die Schwester!

Erinnert ihr euch noch an den Beitrag zur Männerdiskriminierung in Berlin? Falls nicht, scrollt euch einfach mal durch.
Jedenfalls gab es zu diesem Beitrag einen Kommentar auf Facebook und ich habe versprochen, mich mit dem Thema des Kommentars näher zu beschäftigen. Versprochen ist versprochen!

Eine Kollegin aus der Gesundheits- und Krankenpflege schrieb:

„Super! Vielleicht sollte ich ihn mal anschreiben, ob er nicht einen Antrag im Bundestag einbringen will für eine Männerquote in der Profession Pflege insbesondere in der „Pflege am Bett“. Damit Männer im Krankenhaus und im Seniorenheim endlich das Recht haben auf menschenwürdige Pflege. Z.B. das Recht auf gleichgeschlechtliche Pflegeleistung. Also Körperpflege an Männern nur noch durch Männer! Und nicht mehr durch junge Schwestern. Meinst du, Marcel Luthe würde das unterstützen? Ich glaube, ich kenne die Antwort schon …“

Belästigung am Arbeitsplatz? In der Pflege fast schon Folklore.

Fast alle Kolleginnen und auch nicht wenige Kollegen aus der professionellen Pflege kennen das: Die unangemessene Berührung, die „lustige“ Bemerkung, das zweifelhafte Kompliment. Wie die Kollegin schreibt und was die meisten wohl bestätigen können: auch unter den Patient*innen sind Männer eher übergriffig als Frauen. Warum sind manche Patienten so distanzlos? Hat das vielleicht wirklich was mit „Folklore“ zu tun?

Das Bild der professionell Pflegenden wandelt sich zu langsam!

Nur mal so zum Spaß: macht mal eine Bildersuche zu „Krankenschwester“ und ihr werdet immer noch auf einen der ersten Blicke eine, nennen wir es mal freundlich: „Männerphantasie“ einer leicht bekleideten Frau mit Häubchen und Strapsen finden.
Gleiches Spiel mit „Gesundheits- und Krankenpflegerin“: voilà! Bilder eures Arbeitsalltags.
Liegt hier der Hase schon im Pfeffer?

Wo kommen eigentlich die Schwestern her?

Krankenpflege war lange Zeit eine Domäne kirchlich geführter Häuser. Die Pflegerinnen waren demnach wirklich Ordensschwestern, deren einziger Lebensinhalt der Pflege galt. Sie waren rund um die Uhr verfügbar. Frauen außerhalb des jeweiligen Ordens durften nur pflegen, wenn sie zölibatär lebten. Es gab also ein Heiratsverbot. Logisch, macht die Verfügbarkeit leichter.
Staatliche Hospitale hatten wenig später auch „Krankenschwestern“, die aber von den konfessionellen Häusern als „wilde Schwestern“ verschrien wurden. Diese „wilden Schwestern“ hatten zwar auch nicht wirklich mehr Freiheiten, das Dreischichtsystem kam später, aber sie wurden von der Gesellschaft als „Freiwild“ wahrgenommen, sie waren in der Regel schließlich auch unverheiratet. Nichts hält sich so hartnäckig, wie Ressentiments gegenüber Frauen. Und mal ganz ehrlich: „Schwester“ schafft auch nicht wirklich eine professionelle Distanz zwischen Pflegefachperson und Patient*in.

Vorstellung: nicht nur Geschmackssache, oder?

Ich kenne vor allem ältere Kolleginnen, die ihre Laufbahn als „Krankenschwester“ begonnen haben und diesen Titel nach wie vor zu Recht mit Stolz tragen. Auf deren Namensschildern stehen nach wie vor die Vornamen.
Ich kenne gleichzeitig Kolleginnen, die sich bewusst zum distanzierterem „Sie“ im Umgang mit Patient*innen und Bewohner*innen entscheiden und sich ganz dezidiert nicht als „Schwester“, sondern als professionelle Pflegefachperson definieren.

Augenhöhe kann auch eine Entscheidung sein.

Wenn die Profession Pflege raus will aus dem Assistenzimage, und das soll und muss sie ganz dringend!, dann liegt es auch an uns Pflegefachpersonen diese Augenhöhe durch professionelles Auftreten herzustellen. Sich von den Patient*innen und Bewohner*innen konsequent „siezen“ zu lassen, kann dazu beitragen. Ich zumindest fand es für mich passender, bei einer Visite nicht die Person am Bett zu sein, die durch das „du“ (oder die Ansprache mit dem Vornamen) von den Patient*innen als einzige aus der Rolle fällt.

Professionelle Pflege und professionelles Verhalten.

Die Profession Pflege ist nach wie vor ein von Frauen dominiertes Berufsbild. Natürlich ist es vollkommen nachvollziehbar und legitim, dass Frauen sich mit bestimmten Männern nicht auseinander setzen wollen, schon gar nicht einem Pflegesetting. Dass hier männliche Kollegen übernehmen, wenn möglich, sollte selbstverständlich sein. Gleichzeitig: die Verpflichtung zur Erbringung der bestmöglichen Pflege inkludiert in keinem Fall die Verpflichtung, unangemessenes Verhalten zu dulden!

Eine Belästigung und ein Übergriff bleibt genau das auch am Krankenbett und sollte auch hier nicht anders behandelt werden!

Einem Patient*innenwunsch nach gleichgeschlechtlicher Pflege zum Schutz der eigenen Schamgrenzen sollte nach Möglichkeit nachgekommen werden. Für Männer UND Frauen.

 

Collage: Foto (c) unsplash.com

 

 

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