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Familiäre Betreuung oder professionelle Pflege?

Zwischen Opferbereitschaft und Verzweiflung

Letzte Woche bekam ich einen Anruf. Ein Mann, Anfang 60, schilderte mir seinen Alltag seit mehr als acht Jahren. Damals entschied er sich dafür, seine pflegebedürftigen Mutter zu betreuen. Er spürte schnell, dass sich sein Anspruch nicht mit seiner Erwerbsarbeit verbinden ließ und kündigte. Obwohl die Betreuung ihn aufreibt, will er nicht von seiner Entscheidung abrücken.
Ohne Nachfrage schimpfte er auf Pflegeheime, Kurzzeitpflege und sogar auf den Pflegedienst, den er zweimal pro Woche in Anspruch nimmt. Niemand könne seine Mutter besser und mit mehr Empathie pflegen als er.

Belastet und von Armut bedroht

Sein Kernanliegen wurde klarer: die Politik, also ich, müsse dafür sorgen, dass seine Bemühungen angemessen vergütet werden. Das neue Landespflegegeld hielt er für einen Witz, die Summe reiche nicht mal monatlich. Derzeit könne er, alle Unterstützung zusammengenommen, 326 Euro monatlich geltend machen. Nach dem Tod seiner Mutter könne er auch nicht in die Erwerbsarbeit zurückkehren, weil er den fachlichen Anschluss verpasst habe. Er lebt also jetzt von den Reserven und später wohl in Armut.

Liebevolle Betreuung

Ich bat ihn darum, mir den Alltag mit seiner pflegebedürftigen Mutter zu schildern. Wie erwartet bestand der darin, der Mutter alles erdenkliche abzunehmen. Von der Morgentoilette über das Herrichten und Einnehmen der Mahlzeiten, Ausfahrten mit dem Rollstuhl („ist praktischer“) und die Gestaltung der Freizeit („wir sehen zusammen fern“).
Natürlich genießt die Mutter die liebevolle Zuwendung und ganz bestimmt will der Sohn nur ihr Bestes und tut, was er kann. Nach seinen Vorstellungen.

Professionelle Pflege

Ich fragte vorsichtig nach, wie er sich einen Alltag der Mutter in professioneller Pflege, ob häuslich, stationär oder teilambulant, vorstellte. Eines war ganz sicher: eine Pflegeberatung hat es für diese Familie nie gegeben! Seine Mutter müsse sicherlich den ganzen Tag sondenernährt und katheterisiert im Bett verbringen. Zu diesem Zweck würde sie medikamentös ruhig gestellt. Und das wisse er genau, absolut sicher!
Pflegeplan, Selbstbestimmtheit, Unterstützung bei Selbstpflegedefiziten und aktivierende Beschäftigungsangebote: all das hielt er für Spinnerei.
Tatsächlich glaube ich, dass es beiden, Mutter und Sohn besser ginge, wenn es in dieser Familie deutlich mehr professionelle Unterstützung gäbe. Natürlich muss er seine Mutter dafür nicht „aus dem Haus werfen“.

Was brauchen Betroffene?

Eines wurde in dem Gespräch sehr deutlich: wenn Pflege in einer Familie notwendig wird, brauchen alle Beteiligten eine gute Beratung. Fachpersonen, die gemeinsam mit den Familien die individuellen Bedürfnisse formulieren und dann passgenaue Lösungen erarbeiten können.
Pflegefachkräfte, die Familien zugewandt und verlässlich auch über längere Zeiträume begleiten können. Betroffene brauchen auch mal ganz praktisch Hilfe: entlastend und unterstützend.
Diese Familie war allein gelassen: Der Sohn ist überfordert und frustriert, die Mutter scheinbar bevormundet und unselbstständig. Glücklich oder zufrieden sind sie wohl beide nicht.
Pflegezentren mit sehr guten Kenntnissen über die Möglichkeiten vor Ort und mit guter Einbindung in die Familien schaffen Selbstbestimmtheit für alle Betroffenen.

Pflegezentren: nah, kompetent und verlässlich!

Seit 2008 verspricht die Staatsregierung die Errichtung von 60 Pflegestützpunkten, deren Einrichtung von den Kranken- und Pflegekassen bestimmt werden soll. In Kooperation mit den Bezirksregierungen  und den Landratsämtern können beliebig Vereine und Organisationen eingebunden werden – oder auch nicht. Klingt kompliziert? Ist es auch!
Bisher wurden bayernweit neun Stützpunkte mit unübersichtlichen Kompetenzen umgesetzt. Die Beratung und die Hilfe kommt bei vielen Menschen ganz offensichtlich nicht an.

Unsere Gesellschaft wird älter und pflegebedürftiger

Es ist also höchste Zeit, die wohnortnahe Versorgung auf stabile Füße zu stellen. Die Menschen brauchen verlässliche Beratung  über ihre Möglichkeiten vor Ort, über Therapieformen und Pflegeplanungen. Nicht zuletzt der Demenzsurvey der Staatsregierung hat 2017 offenbart, dass sich Betroffene und Angehörige nicht ausreichend informiert fühlen. Auf dem Land noch weniger als in den Städten.
Derzeit lassen wir viel zu viele Menschen allein: die, die nicht mehr leisten können und Pflege brauchen und mit ihnen ihre Familien und Freund*innen, die vor lauter leisten nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht.

Neue Ideen: dem Wandel mit tragfähigen Konzepten begegnen

Es ist an der Zeit, dem Wandel mit neuen und tragfähigen Konzepten zu begegnen: Pflegezentren, Pflegefachleute vor Ort, Familienpflege mit ganzheitlichem Blick, kompetente Therapieangebote und Schulungen für Angehörige, die Grenzen der Belastbarkeit verdeutlichen.
Diese alternde Gesellschaft braucht junge Lösungen!

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