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Perspektiven wechseln

LDK 19, meine Rede zur politischen Aussprache:

Liebe Freundinnen und Freunde,

stellt euch vor, ihr liegt im Bett und habt Durst. Oder Hunger. Oder ihr müsst auf die Toilette.

Jetzt stellt euch vor, ihr könnt nicht ohne Hilfe aufstehen. Der Kühlschrank, der Wasserhahn, das Klo: unerreichbar weit weg.
Was macht ihr jetzt? Hilfe rufen, was sonst.
Blöderweise habt ihr heute aber schon mehrfach um Hilfe gerufen und ihr wisst eines ganz genau: jede weitere Bitte ist der Person, die euch hören kann, schlicht zu viel. Sie kümmert sich um euch
und um den eigenen Beruf
und um den Haushalt
und um die Kinder.

In Bayern haben wir derzeit rund 400.000 Menschen, die nicht ohne Hilfe durch den Alltag kommen.

Sie brauchen Unterstützung beim Essen, bei der Körperpflege und wenn sie aufstehen wollen. Sie sind zu alt, zu krank, zu gebrechlich. Viele sind das alles auf einmal.

75% dieser Menschen werden zu Hause von Angehörigen betreut. Längst nicht alle bekommen dabei einen Pflegedienst oder eine Tagespflege zu sehen.
Wenn ihr nun daheim in diesem Bett liegt, eingeschränkt, ungewaschen, hungrig und ihr spürt, wie sehr eure Betreuung nahe Menschen belastet und ihr täglich erlebt, wie sie ihre Kraft und damit auch ihre Geduld verlieren: wie sehr interessiert ihr euch für die Gründe, die eure Enkel freitags vom Schulbesuch abhalten?

Wir werden immer älter. Wir werden gebrechlicher. Und die Alten werden immer mehr.

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird steigen. Und zwar drastisch.
Dem gegenüber steht das, was wir „Pflegemangel“ nennen.
Das, liebe Freundinnen und Freunde ist verniedlichend: Wir befinden uns jetzt bereits in einer ausgewachsenen Pflegekrise und steuern ziemlich direkt auf die größte humanitäre Katastrophe zu, die das Land seit 70 Jahren gesehen hat.

Wie geht es den Leuten in den Heimen? Zu wenig Pflegende kümmern sich bis zur Erschöpfung um zu viele Patienten und Patientinnen. Täglich lesen wir von Missständen: es ist dreckig, die Bewohner*innen sind schlecht ernährt und unzureichend versorgt. Es kommt sogar zu Misshandlungen. Davon wissen wir, weil davon Kolleg*innen und Angehörige berichten.

Was wir nicht wissen ist: wie geht es den Menschen in der häuslichen Betreuung?

Fachleute gehen davon aus, dass in der häuslichen Betreuung bis zu 20% der Menschen unter Misshandlungen leiden.
Schläge, weil du auf die Toilette willst.
Hungern, weil du nicht schnell genug schlucken kannst.
Wir reden also heute von 60.000 Menschen, die dem allem hilflos ausgeliefert sind.
Und über diese Menschen gibt es keine Berichte in den Zeitungen. Keine Fernsehteams in den heimischen Pflegezimmern.

Liebe Freundinnen und Freunde: wir müssen wie immer das eine tun ohne das andere zu lassen!
Als die Partei, die immer schon für Selbstbestimmung, für gleiche Rechte und für Diversität kämpft, dürfen wir diese Menschen nicht vergessen.

Weil nicht nur WIR hier leben, sondern auch diese Menschen, die keine eigene Stimme haben!

Lasst uns gemeinsam Anwält*innen sein: für die Menschen, die in unserer Leistungsgesellschaft nicht oder nicht mehr leisten können.

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