Drücke "Enter", um den Text zu überspringen.

Niemals Vergessen – Pogromnacht 1938

In der Nacht vom 9. November 1938 brach die Gewalt gegen jüdisches Leben in unserer Mitte explosionsartig offen aus. Gewalt gegen Nachbarinnen und Nachbarn, gegen Geschäftspartnerinnen und Geschäftspartner, gegen Eltern aus den Schulklassen der Kinder, gegen Vereinsfreunde und -freundinnen. Morde, Misshandlungen, Plünderungen, Zerstörungen, Feuer und blanker Hass.

Was folgte nennen wir heute Shoa, die Katastrohe. Der größte Zivilisationsbruch der Geschichte.

Vorausgegangen waren Ressentiments, Vorurteile, rassistische und menschenverachtende Gesetze. Der 9. November 1938 war weder Anfang noch Ende.

Mein Stimmkreisbüro liegt in Weilheim in der Buxbaumgasse.
Familie Buxbaum führte hier bis 1936 ein Bekleidungsgeschäft. Weil sie Juden waren, mussten sie ihr florierendes Geschäft zum Schleuderpreis verkaufen. Sie zogen nach München, ihr gesamter Besitz wurde enteignet und schließlich wurde die Familie deportiert.
Emil und Hedwig Buxbaum sowie ihre Tochter Johanna, die sie Hansi riefen, wurden 1941 in Kaunas erschossen.

In Kaunas wuchs zur gleichen Zeit Abba Naor auf, den ich Anfang diesen Jahres im Landtag kennen lernen durfte. Möglich, dass er die Erschießung der Buxbaums miterlebt hat. Er sah damals viele Tode in Kaunas. Als Abba Naor 13 Jahre alt war, zwangen die Nazis seine Familie ins Ghetto.
Dort versteckte die Familie den kleinen Bruder, er war damals vier Jahre alt, bei jeder Durchsuchung des Ghettos in einem Hohlraum im Ofen. Das Kind war zu klein zum Arbeiten und hätte leicht der Laune eines SS-Mannes zum Opfer fallen können.
Abbas Bruder Chaim wurde im Ghetto erschossen. Er war 16 Jahre alt.

Naors Familie wurde schließlich nach Stutthof deportiert. Seine Mutter Channa und den kleinen Berele sah Abba zuletzt durch den Lagerzaun, als sie für den Zug nach Auschwitz „selektiert“ wurden. Sie wurden dort ermordet. Er selbst überlebte Zwangsarbeit in den Konzentrationslagern in Dachau, Utting und Kaufering. In Waakirchen wurde er von Alliierten während des Todesmarsches befreit. Seinen Vater Hirsch fand er nach dem Krieg in München wieder.

Beim Gedenken an die vielen Millionen Opfer des Nationalsozialismus wird das Unfassbare erst durch den Blick auf einzelne greifbarer. Mir ist die tägliche Erinnerung an die Familie Buxbaum aus Weilheim Mahnung und Auftrag in meiner täglichen Arbeit und im Umgang mit anderen Menschen.

Wir verneigen uns heute vor allen Opfern des Nationalsozialismus: vor den Juden und Jüdinnen, den Sinthi, den Roma, den homosexuellen Frauen und Männern, den politisch Andersdenkenden, denen, die als „Asoziale“ gebrandmarkt wurden, ebenso vor den Menschen, die ermordet oder verstümmelt wurden, weil sie Krankheiten oder Behinderungen hatten. Wir gedenken der Toten und wir ehren die Überlebenden.

Niemals werden wir vergessen. 9. November 2019. Die Verantwortung bleibt.

 

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert, aber Trackbacks und Dingbacks sind offen.