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Kommentar: Lauterbach und der Streik der Pflegekräfte

Seit inzwischen 8 Wochen streiken die Beschäftigten der Universitätskliniken in Nordrhein-Westphalen. Bundesweite Aufmerksamkeit erregen sie damit nicht. Im Gegenteil: in der ersten Coronawelle gab es mehr Berichte in den Medien über A, B und C-Promis, die auf ihren Balkonen für die Pflege klatschten, als dass jetzt die Forderungen der Pflegenden aufgegriffen werden.

Die „Held*innen“ sind müde, aber das weiß man ja schon. Sie brauchen mehr Kolleg*innen, um ihren Beruf so ausführen zu können, wie gute Pflege nun mal sein sollte: evidenzbasiert, zielgerichtet und zum Wohl der Patient*innen. Stattdessen berichten die Streikenden davon, Kreislaufzusammenbrüche zu erleiden und davon, dass sie manchmal nicht mal die Zeit finden, ein Schmerzmittel zu verabreichen. Jaja, alles tausendmal gehört und gelesen und gab es nicht Corona-Boni und ein paar Tage Anerkennung?

Heute, nach acht Wochen Streik in NRW platzt Twitter aus allen Nähten und „Pflegekräfte“ liegen in den Trends vor „Tesla“ und „Bachelorette“, aber ganz weit hinter „Lauterbach“. Der Gesundheitsminister hat nämlich eine Verdi-Veranstaltung von Pflegenden besucht und seinen obligatorischen Dankesworten, auch im Namen der Pandemie, eine in diesem Kontext unglückliche Schimpftirade gegen Impfgegner*innen folgen lassen. Davon angegriffen fühlen sich wenige ungeimpfte Pflegekräfte und ganz viele nicht pflegende Ungeimpfte, die ihre Kernarbeitszeit vom Montag auf diesen Donnerstag verlegt haben und im Netz Solidarität mit der ganzen Pflege heucheln.

Morgen wird Tönnies die nächste Sau durchs Dorf treiben oder irgendwer halbe Wiesenhofhendl jagen, während der Streik in Nordrhein-Westphalen neun Wochen alt wird und er noch immer niemanden interessiert, der oder die nicht im Stau hinter einem Protestzug steht.

300.000 ausgebildete Pflegekräfte, die den Beruf verlassen oder ihre Arbeitszeit reduziert haben, können sich vorstellen zurückzukehren oder Stunden aufzustocken, wenn die Bedingungen endlich besser werden. Aber auch heute wird nicht eine*r von ihnen die Entscheidung gegen die Pflege bereuen, denn auch heute hat die Pflege sich die Deutungshoheit über ihre eigenen Protestveranstaltungen aus der Hand nehmen lassen und hält stillschweigend dafür her, die Narrative vollkommen fachfremder Interessensgruppen zu bedienen. Wie so oft: Lose-Lose!

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