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Kinder am Rand

Ein Gastbeitrag von Tina Meffert

Ich muss zuhause bleiben, weil ich andere anstecken könnte, auch wenn ich selbst gar nicht krank bin. Dann fühle ich mich doof. Bin ich gefährlich für andere, obwohl ich gar nicht krank bin? Mir geht es nicht gut, ich habe Angst und traue mich nicht mehr raus. Meine Eltern schimpfen mit mir, wenn ich meine Hausaufgaben nicht gemacht habe, weil ich nur im Bett liege und manchmal auch wütend bin auf mich selbst oder die anderen. Ich kann dann nicht mehr richtig denken und hab auch keine Lust mehr auf nichts, deshalb bin ich traurig. Meine Eltern haben nicht so viel Zeit und sind immer müde von der Arbeit und oft sind sie genervt. In die Schule würde ich schon wieder lieber gehen, dann sehe ich meinen Lehrer und meine Klassenkameraden, auch wenn wir uns da manchmal streiten.

„Mein Kind – psychisch krank?“ Darüber spricht man nicht.

Psychisch kranke Kinder stehen nicht nur jetzt am Rand. Aber jetzt ganz besonders! Immer noch ist die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen ein großes Hemmnis für Betroffene und deren Angehörige, über ihre Erkrankung zu sprechen. Offen zur Erkrankung der Psyche zu sprechen und sich gar Hilfe zu holen erfordert Mut – großen Mut. Kinder und Jugendliche leiden ganz besonders unter diesem Stigma.

„Meinem Kind geht es doch gut!“ „Psychisch kranke Kinder gibt es nicht!“ Und dann ist da die Scham, wenn das eigene Kind (verhaltens-) auffällig ist, nicht wie die anderen Kinder sein kann. Es ist ihnen peinlich und unangenehm. Viele Eltern und Angehörige sehen sich in der Rechtfertigungsfalle, wenn eine psychische Erkrankung thematisiert werden muss. „Bei uns ist alles in Ordnung.“ Andere könnten Rückschlüsse auf die familiäre Situation ziehen, dass etwas in der Familie nicht stimmt. Dann lieber schweigen, das kranke Kind in den Schatten stellen, bloß nicht Hilfe holen – dann wäre es ja offiziell.

Der Spagat wird noch kräftezehrender.

Homeoffice, Familienalltag, Homeschooling – der Spagat zwischen Beruf und Kinderbetreuung, zwischen Karriere und Familie wird vor allem für die Mütter, die immer noch den Großteil der Care-Arbeit übernehmen, in der Corona-Krise noch kräftezehrender. Die Lebenssituationen vieler Familien und allen voran der Alleinerziehenden gehen an die Grenze des Erträglichen. Sie sind schlicht und ergreifend überfordert.

Wenn dann noch die Bedürfnisse eines psychisch erkrankten Kindes dazukommen, werden die Probleme erst recht existenziell. Sowohl für die Kinder und Jugendlichen als auch die Eltern. Wir haben einen dringenden Handlungsbedarf, Angebote für psychisch kranke Kinder in der Krise zu schaffen.

Wir sehen sie nicht. Wir hören sie nicht.

Jetzt, in der für alle verunsichernden Pandemie-Situation, nehmen auch bei Kindern und Jugendlichen v.a. Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen zu. Sie brauchen dringend professionelle Hilfe und Unterstützung – doch fallen gerade jetzt Hilfs- und Unterstützungsangebote weg.

Und es geht noch schlimmer: Welch unermessliches Leid sich hinter der Wohnungstür in der Nachbarschaft befinden kann, lässt sich manchmal noch nicht einmal annähernd erahnen. Wir sehen sie nicht, wir hören sie nicht, wir wissen nicht, wie viele Kinder aktuell tatsächlich unter dieser fatalen Situation leiden.

Eine erkrankende oder bereits kranke Kinderseele braucht sofort Hilfe. Sie kann nicht warten, bis die „Normalität“ zurückkehrt. Ihr steht das Recht auf Hilfe und Unversehrtheit zu. Kinder in akuten psychischen Krisen und jene, die zunehmender emotionaler und körperlicher Gewalt hilflos ausgesetzt sind, sind gerade jetzt schlimmstenfalls auf sich allein gestellt.

Holt die Kinder aus der Gefahrenzone!

Jetzt ist schnelles und konstruktives Handeln gefordert. Akute Krisen und beginnende Störungen können sich chronifizieren, wenn sie unerkannt bleiben und nicht behandelt werden. Leidet ein Kind bereits an einer psychischen Erkrankung und erhält keine Behandlung, verschlimmert sich meistens sein Zustand.

Es ist unsere Aufgabe und Verantwortung, den erkrankten Kindern und Jugendlichen Hilfe zukommen zu lassen und zu erkennen, wenn ihre Seele in höchster Bedrängnis und Not ist. Davor dürfen wir nicht die Augen verschließen. Psychisch kranke Kinder und Jugendliche haben ganz besonders ein Recht auf Hilfe, Unterstützung und Begleitung in ihrer Lebenssituation. Wir dürfen sie nicht alleine lassen – sondern jetzt Maßnahmen ergreifen, die möglichst vielen von ihnen helfen können.

Staatliche Hilfen für die Familien und Kinder – jetzt!

Wir brauchen bundesweit Investitionen, um

  • mehr Online- und ambulante Beratungsangebote zu schaffen
  • die Kommunikation zwischen Kinderschutzinstitutionen und den für die Versorgung der psychisch kranken Kinder zuständigen Berufsgruppen (Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen, Sozialpädagog*innen) auf lokaler Ebene weiter auszubauen
  • ambulante Betreuungsangebote vor Ort auszubauen (Personalaufstockung in den Einrichtungen und Beratungsstellen; mehr Kassenzulassungen für die Kinder- und Jugendpsychotherapeut*innen ermöglichen; kürzere Wartezeiten für Therapie- oder Betreuungsplätze zu garantieren
  • finanzielle Mittel für psychologische Pro­gramme für Kinder aufzustocken, so u.a. für Präventionsprogramme und -angebote vor Ort.
  • Konzepte und Mittel für die Öffnung der Notbetreuung von Kitas und Schulen für psychisch kranke Kinder zu schaffen, da Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen besonderen Bedarf an strukturierten Tagesabläufen haben. Die aktuelle Öffnungspolitik richtet sich nach den Jahrgängen, nicht nach dem Bedarf der Betroffenen.

Der Sars-CoV-2-Pandemie darf keine soziale Pandemie folgen. Wir dürfen die Kinder und Jugendlichen nicht am Rand stehen lassen – wir müssen sie in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stellen.

 

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