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Gewalt in der Notaufnahme

Stopp GINA

Das ist der Titel einer Studie der Hochschule Fulda in Hessen. Die Studienleiterinnen wollten wissen, ob Mitarbeiter*innen in Kliniken Gewalt durch Patient*innen oder Angehörige erfahren. Dabei konzentrierten sie sich in der Hauptsache auf den Bereich, in dem die Nerven naturgemäß blank liegen: die Notaufnahme. Nicht nur in Hessen häufen sich die Berichte der Krankenpfleger*innen und Ärzt*innen über rüdes Verhalten, Beleidigungen und sogar tätliche Angriffe.

Schockierende Ergebnisse

97% der befragte Mitarbeiter*innen erlebten verbale Gewalt, 76% berichten von körperlichen Übergriffen und 52% beschreiben die erlebte Gewalt als sexualisiert.
Das Sicherheitsgefühl sinkt rapide in den Nachtschichten. In rund 85% der Fälle gilt Alkohol als ein Auslöser der Übergriffe. Die Betroffenen fühlen sich stark beeinträchtigt, ein Viertel von ihnen wünscht sich einen Berufswechsel.

Wie ist es in Bayern?

In den Zeitungen kann man z.B. lesen, dass inzwischen in alle Kliniken Münchens nachts Sicherheitspersonal beschäftigen. Das wird immer üblicher in unserem gesellschaftlichem Klima. Jede*r ist sich selbst der/die* Nächste.
Meine Kollegin Christina Haubrich und ich wollten es dennoch genauer wissen.

Nachgefragt

Von wem geht die Gewalt aus? In welcher Form wird sie ausgeübt? Wer ist in der Hauptsache betroffen? Was plant die Staatsregierung? Wie können Situationen deeskaliert werden? Welche Statistiken liegen diesbezüglich vor? Können und wollen wir es uns leisten, Pflegefachpersonen und medizinisches Personal wegen aggressiver Umfelder zu verlieren?

Weil nicht sein kann: worüber es keine Statistik gibt

In der polizeilichen Kriminalstatistik taucht nur auf, was zur Anzeige kommt. Tatorte werden allgemein erfasst: „Krankenhaus“, z.B oder „Sanatorium“. Die Bayerische Krankenhausgesellschaft weiß zwar von sich häufenden Übergriffen, benennt sogar die Notaufnahme oder die Ambulanz, führt aber keine Statistik. Die erfassten Delikte bestätigen die Zahlen aus Hessen: 2/3 der Übergriffe werden von Männern begangen. In rund 35% der Fälle sind Alkohol und Drogen im Spiel.
Aufgrund der geringen (für die PKS relevanten, angezeigten) Fallzahlen, sieht die Staatsregierung keinen weiteren Handlungsbedarf. Stattdessen verweist sie auf die bereits von den Kliniken ergriffenen Maßnahmen und auf die gute Zusammenarbeit mit der Polizei.

Und nun?

Für mich ist es ganz offenkundig, dass wir ein Problem haben. Hier zeigt sich eine gesellschaftliche Entwicklung zu mehr und mehr „me first“ und immer spitzeren Ellbogen dort, wo Menschen in großer Not geholfen wird. Leid tragende sind die Mitarbeiter*innen unserer Gesundheitseinrichtungen und die Patient*innen, die sich einfach nur eine gute Behandlung erhoffen.
Um ein Problem als strukturell erkennen zu können, müssen wir es jedoch auch genau beschreiben: wir brauchen auch in Bayern eine Studie wie „Stopp GINA“ und wir brauchen eine statistische Erfassung aller Gewalt, die in unseren Gesundheitseinrichtungen geschieht.
Das wird meine nächste Forderung sein.

 

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