Drücke "Enter", um den Text zu überspringen.

DIE ZEIT: Die Zeit läuft.

Ein Artikel in der ZEIT, Ausgabe vom 29.10.2020 Nr. 45. S. 2–3

Die Zeit läuft

Für Pflegekräfte wird so viel getan wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Warum ändert das trotzdem nichts am Fehler im System?

VON CATERINA LOBENSTEIN

Manche Geräusche fallen besonders auf, wenn sie plötzlich verstummen. Das Summen eines Kühlschranks. Das Rauschen eines Heizungsrohrs. Oder das Klatschen, das im Frühjahr von den Balkonen schallte.Damals hatte die Corona-Pandemie ihre erste Hochphase erreicht. In den Kliniken füllten sich die Intensivstationen mit Covid-19-Patienten, in den Nachrichten liefen Bilder aus Italien und den USA: die Militärkonvois in Bergamo. Das Lazarettschiff auf dem Hudson in New York. Und die erschöpften Krankenschwestern, die Heldinnen der Pandemie.

Im ganzen Land traten damals Menschen auf ihre Balkone, um den Pflegekräften zu applaudieren. Die Kanzlerin bedankte sich »von ganzem Herzen«, der Bundespräsident sprach seine »Hochachtung« aus. Und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte: »In dieser Corona-Epidemie spüren wir einmal mehr, wie wichtig Pflegekräfte für unsere Gesellschaft sind. Ihre verantwortungsvolle Aufgabe wollen wir besser honorieren als bisher.« Spahn versprach den Krankenschwestern einen Bonus und langfristige Verbesserungen: mehr Gehalt, mehr Personal, mehr Zeit für die Patienten – all das, was Pflegekräfte seit Jahren vergeblich fordern. Plötzlich wurden sie erhört. Sie galten als »systemrelevant«.

Heute liegen die Infektionszahlen über dem Niveau des Frühjahrs, und die Intensivstationen füllen sich wieder. Doch von den Versprechen der Politiker und der Solidarität der Bürger scheint nicht mehr viel übrig. Als die Pflegekräfte des öffentlichen Dienstes jüngst für höhere Löhne streikten, applaudierte niemand mehr. »Fehl am Platz« seien die Streiks, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Eine »volkswirtschaftliche Unverschämtheit«, befand das Magazin Cicero. Und als die Tarifpartner am Sonntag ihre Einigung verkündeten – 8,7 Prozent mehr Lohn bis Ende 2022 und höhere Sonderzulagen –, sah das nur auf den ersten Blick wie ein historischer Erfolg für die Pflegekräfte aus. Zum einen ist ein großer Teil der Krankenhäuser an diesen Tarif nicht gebunden. Zum anderen ist fraglich, ob die Lohnerhöhung reicht, um dringend gesuchte Fachkräfte auf die Stationen zu locken. Vielen Pflegerinnen geht es ohnehin längst um mehr als ein paar Prozentpunkte Gehaltssteigerung. Es geht um den Wert ihrer Arbeit, die Logik der Produktivität, das Vertrauen in die Politik. Es geht um die Frage, ob der drohende Kollaps des Pflegesystems doch noch abzuwenden ist.

Spricht man mit Pflegerinnen und Pflegern, mit Pflegedirektoren und Personalräten in großen und kleinen Kliniken, bei öffentlichen und privaten Trägern, hört man fast überall dasselbe: Hätten sich die Pflegekräfte zu Beginn der Pandemie noch gebraucht gefühlt, überwiege nun die Frustration. Weil der Bonus zwar versprochen, aber an die meisten Krankenpflegekräfte bisher nicht ausgezahlt wurde. Und weil die Gehälter noch immer nicht attraktiv genug sind, um für die unterbesetzten Stationen ausreichend Personal zu finden.

Es gehen bereits Kündigungen ein. »Wir fürchten, dass massenhaft Pflegekräfte aus dem Beruf austreten, sobald die Notlage vorbei ist«, sagt Jutta Ulrich, Personalratsvorsitzende am Universitätsklinikum Hannover, einem der größten Krankenhäuser der Republik. Laut dem Meinungsforschungsinstitut Psyma, das regelmäßig die Stimmung unter Deutschlands Pflegekräften erhebt, gab Ende September jede sechste Pflegekraft an, ihr Kündigungswunsch sei »hoch bis sehr hoch«.

Ausgerechnet jetzt, da Deutschland mit der zweiten Corona-Welle kämpft, drohen die Systemrelevanten das System zu verlassen. Jene, die die Stellung halten, haben noch weniger Zeit für die Patienten – und womöglich bald selbst keine Lust mehr, sich den Job noch anzutun. Das ist das Drama des Pflegenotstands: dass er sich selbst verstärkt. Und dass die Politik bislang keinen Ausweg gefunden hat.

Ein Herbsttag am Berliner Kurfürstendamm. Vor einem Luxushotel fahren schwarze Limousinen vor. Im Hotel treffen sich an diesem Tag Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und seine Ministerkollegen aus den Bundesländern. Draußen haben sich einige Hundert Pfleger und Krankenschwestern versammelt. Sie tragen Krankenhauskittel und halten Schilder in die Höhe: »Wir sind es wert« oder »Versprechen sind zum Halten da«.

Sie sind angereist, um Jens Spahn zu erinnern, wie überlastet das deutsche Pflegesystem schon vor Corona war:

Auf eine Krankenschwester kommen in Deutschland im Schnitt etwa 13 Patienten. In Norwegen sind es nicht mal sechs.

80 Prozent der Krankenpflegekräfte fühlen sich bei ihrer Arbeit häufig gehetzt.

Nur 23 Prozent können sich vorstellen, ihren Beruf bis zur Rente auszuüben.

Rund 50 Prozent der Kranken- und 60 Prozent der Altenpflegerinnen arbeiten in Teilzeit. Viele sagen, anders sei der Job nicht auszuhalten.

So steht es in Statistiken von Gewerkschaften und Krankenkassen. Und noch etwas zeigen die Zahlen: Pflegekräfte sind überdurchschnittlich oft krankgemeldet und auf Reha-Maßnahmen angewiesen, meist wegen Muskel- und Skeletterkrankungen oder psychischer Belastungen. Ausgerechnet die, die anderen beim Gesundwerden helfen, sind besonders häufig krank – und werden von der Politik übergangen. So zumindest kommt es den Schwestern und Pflegern vor, die an diesem Tag auf dem Berliner Kurfürstendamm demonstrieren. Als Spahn aus dem Hotel tritt, um zu ihnen zu sprechen, pfeifen sie ihn aus.

»Jetzt lasst mich doch erst mal anfangen!«, ruft Spahn.

»Es passiert doch eh nichts!«, schreit ein Pfleger.

»Es soll was passieren, und es ist auch was passiert«, sagt Spahn.

»Wo denn?«, ruft eine Krankenschwester.

Hier stehen die Pflegekräfte, die viel arbeiten, aber wenig verdienen. Dort steht der Politiker, der viel redet, aber wenig tut. So sehen das viele hier. Das Problem ist nur: So ist es nicht. Es ist viel komplizierter.

Kein Minister im Kabinett hat so viele Gesetze auf den Weg gebracht wie Spahn. Das Pflegepersonalstärkungsgesetz zum Beispiel, mit dem Spahn 13.000 neue Stellen für Altenheime geschaffen hat. Er hat die Pflegemindestlöhne erhöht und Personaluntergrenzen eingeführt. Er hat Pflegeschulen auf dem Balkan eröffnet, um Fachkräfte für deutsche Heime und Krankenhäuser auszubilden.

Heike Baehrens, pflegepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, sagt: »Für die Pflege wird so viel getan wie in den letzten 20 Jahren nicht.« Und selbst manche Linken-Politiker finden, Spahn stoße Reformen an, an die sich viel zu lange keiner herangetraut habe.

Anfang 2020 hat Spahn etwa die Bezahlung der Pflegekräfte aus dem Fallpauschalensystem der Krankenkassen herausgelöst. Eigentlich bekommen Kliniken von den Krankenkassen für jede Diagnose einen Betrag ausgezahlt, der die Kosten der Behandlung abdecken soll. Den Lohn der Pflegerinnen zum Beispiel, die sich um einen frisch operierten Patienten kümmern. Dieses System jedoch haben viele Kliniken ausgenutzt, um auf dem Rücken der Pflegekräfte die Profite zu steigern: Sie stellten weniger Personal ein, erhielten aber die vollen Pauschalen. Spahn hat damit Schluss gemacht. Nun müssen die Krankenhäuser das Geld, das sie für Pflegekräfte bekommen, auch für Pflegekräfte ausgeben.

Und Spahn ist nicht allein. Malu Dreyer, SPD-Ministerpräsidentin in Rheinland-Pfalz, streitet seit Jahren für höhere Pflegelöhne. Karl-Josef Laumann, CDU-Gesundheitsminister in Nordrhein-Westfalen und seit 40 Jahren mit einer Krankenschwester verheiratet, legt sich mit Heim- und Krankenhausbetreibern an: »Wer in der Pflege nicht nach Tarif bezahlt, der ist asozial«, sagt er. Der SPD-Abgeordnete Karl Lauterbach, selbst Arzt und Gesundheitsökonom, hat viele Reformen, die Spahn heute umsetzt, in den Koalitionsverhandlungen durchgedrückt.

Trotzdem haben die Pflegekräfte recht. Denn von den Reformen merken sie auf ihren Stationen kaum etwas. Dort hat längst eine Dynamik eingesetzt, die sich mit den üblichen Mitteln der Politik kaum mehr einhegen lässt. Je länger sie fortschreitet, desto unwahrscheinlicher wird ein erfolgreiches Gegensteuern. In diesem Punkt ähnelt der deutsche Pflegenotstand einer anderen Krise: der globalen Erwärmung.

Erwärmt sich die Erde, schmilzt an den Polkappen das Eis. Es kracht in den Ozean und wird zu Wasser. Die Wasseroberfläche ist dunkler als Eis, sie absorbiert mehr Sonnenlicht und wärmt sich schneller auf, was noch mehr Eis zum Schmelzen bringt, wodurch noch mehr dunkle Oberfläche entsteht, die noch mehr Sonnenlicht absorbiert – und so weiter.

Tipping-Points nennen Klimawissenschaftler das, Kipppunkte. Ereignisse, die eine Kaskade sich selbst verstärkender Reaktionen in Gang setzen und komplexe Systeme innerhalb kurzer Zeit ins Wanken, sogar zum Kollaps bringen können. Wird ein solcher Punkt erreicht, verschärft sich eine Krise nicht mehr graduell, sondern rasant. Das Wasser steht dann plötzlich bis zum Hals.

Der Kipppunkt des deutschen Pflegesystems, so rechnen Experten, wird in den nächsten Jahren erreicht, spätestens zum Ende des laufenden Jahrzehnts. Dann sind die Babyboomer in Rente, die geburtenstärksten Jahrgänge der Bundesrepublik. Dann schmilzt die Personaldecke in den Heimen und Krankenhäusern schneller als je zuvor. Auf einen Schlag fehlen dann Zehntausende Pfleger und Krankenschwestern. Und zugleich kommen so viele Menschen wie nie in ein Alter, in dem sie früher oder später vielleicht selbst auf Pflege angewiesen sind.

Wenige Pflegekräfte müssen sich dann um immer mehr Alte und Kranke kümmern. Die Schichten werden noch stressiger, was den Pflegeberuf noch unattraktiver macht, weshalb noch weniger Menschen ihn ergreifen, noch weniger Zeit für die Patienten bleibt – und so weiter.

In der Klimapolitik heißt es: Mit der Physik lässt sich nicht verhandeln. In der Pflegepolitik gilt: mit der demografischen Entwicklung auch nicht. Die frisst viele politische Bemühungen einfach auf. Zwar ist die Zahl der Azubis in der Pflege zuletzt gestiegen. Doch viel mehr Pflegekräfte sind zugleich aus dem Beruf ausgestiegen. Zwar werden höhere Gehälter gezahlt. Doch jemand, der einen Menschen pflegt, verdient mancherorts noch immer 1500 Euro weniger als jemand, der ein Auto zusammenschraubt. So kommt es, dass Jens Spahn zwar 13.000 neue Pflegestellen geschaffen hat – aber nicht mal 3000 davon besetzt werden konnten. Und dass Ökonomen bis zum Jahr 2030 einen Mangel von bis zu 500.000 Pflegekräften prognostizieren.

Spahn tut etwas. Aber es tut sich zu wenig. Und allen läuft die Zeit davon.

Aus Spahns Sicht sind die Pflegerinnen daran allerdings auch selbst schuld. Auf dem Berliner Kurfürstendamm ruft er ihnen zu: »Sie sitzen doch mittlerweile am längeren Hebel! Es gibt kein Krankenhaus in ganz Deutschland, das nicht gerade Personal sucht!« Anders formuliert: Wären die Krankenschwestern selbstbewusster, würden sie Druck auf ihre Arbeitgeber ausüben, bis die Löhne irgendwann so deutlich steigen, dass es genug Pflegekräfte gibt.

Tatsächlich sind einige Pfleger und Pflegerinnen selbstbewusster geworden. Sie twittern, sitzen in Talkshows, schreiben wütende Bücher. An manchen Uni-Kliniken haben sie professionell organisierte Arbeitskämpfe geführt. Und auch die Einigung der Tarifpartner vom Wochenende zeigt, dass sie an Verhandlungsmacht gewonnen haben.

Allerdings sind die, die aufbegehren, deutlich in der Minderheit. Rund 80 Prozent der Pflegekräfte sind Frauen; viele müssen sich um Kinder und ältere Angehörige kümmern und leben auf dem Land. Sie können nicht einfach in ein Krankenhaus pendeln, das besser bezahlt als die Heimatklinik. Viele arbeiten in kleinen Häusern, wo sich Streiks schwerer organisieren lassen als in einem Großbetrieb. Viele sind Migrantinnen, die um ihre Aufenthaltsgenehmigung bangen oder das deutsche Streikrecht nicht kennen. Die allerwenigsten Pflegekräfte sind Mitglied einer Gewerkschaft. Sie protestieren auf andere Weise: Sie gehen nicht auf die Straße. Sie gehen aus dem Beruf.

Jens Spahn appelliert vor den Pflegern an die Logik des Marktes, an das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Nur gelten auf dem Markt der Pflege ganz andere Gesetze. Und zwar schon seit 200 Jahren.

Damals, zu Beginn der Industrialisierung, begannen die ersten Frauen, sich von ihrer Rolle als erwerbslose Hausfrau zu emanzipieren. In den Ausbildungsgängen für Handwerks- und Industrieberufe waren sie jedoch nicht zugelassen. Wollten sie einen Beruf erlernen, mussten sie – anders als die Männer – für ihre Ausbildung Geld bezahlen. Und sich auf Berufsfelder beschränken, die ihnen zugetraut wurden: Erziehung, Hauswirtschaft, Pflege.

Die Fähigkeiten, die man für solche Jobs benötigt, galten damals nicht als Know-how, das erlernt und geübt werden muss, sondern als natürliche weibliche Eigenschaften: Empathie, Fürsorge, Stressresistenz.

Diese Auffassung hat bis heute überlebt. Anfang der Neunzigerjahre warnte der damalige Sozialminister Norbert Blüm vor einer »Überprofessionalisierung« der Pflege. Alles, was es dafür brauche, sei »ein gutes Herz und eine ruhige Hand«. 2020 wurde in Deutschland das Schulgeld für die Pflegeausbildung abgeschafft.

Also wird die Muskelarbeit eines Industriearbeiters, der ein Stahlblech hebt, bis heute höher bewertet als die Muskelarbeit einer Krankenschwester, die einen Patienten wendet. In der Gesellschaft – und im Tarifsystem, nach dem sich der Lohn bemisst.

Hier, sagt Barbara Thiessen, liege die systematische Ungerechtigkeit. Thiessen ist Professorin für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Landshut und erforscht, wie die sogenannte Sorgearbeit, also soziale und Pflegeberufe, von der Gesellschaft wertgeschätzt werden. »Die emotionale Belastung wird in der Regel gar nicht tarifiert«, sagt Barbara Thiessen. »Die bekommen die Arbeitgeber quasi mitgeliefert, ohne dafür zu bezahlen.«

Der Job der Pflegerinnen wird also bis heute trivialisiert, obwohl er in den vergangenen Jahrzehnten viel komplizierter geworden ist. Wegen der höheren Lebenserwartung gibt es heute mehr Demenzkranke und multimorbide Patienten – Menschen, die viel Zuwendung brauchen und deren Pflege besonderes Fachwissen, Zeit und Erfahrung erfordert. Weil Krankenhäuser und Heime effizienter wirtschaften, sind die Liegezeiten der Patienten kürzer, weshalb auf den Stationen fast nur noch aufwendige Fälle liegen. Die Wirklichkeit galoppiert davon – und das System hinkt immer weiter hinterher.

Politisch lässt sich daran nur schwer etwas ändern. Zumindest wenn man grundlegende Veränderungen scheut. Denn Löhne werden in Deutschland nicht von Politikern festgelegt, sondern von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern verhandelt. Diese sollen ohne Einmischung der Politik und auf Augenhöhe miteinander um faire Löhne streiten, so sieht es das Prinzip der Tarifautonomie vor. Nur hat es diese Augenhöhe in der gewerkschaftlich schwach organisierten Pflegebranche nie gegeben. Anders als Ärzte haben Pflegekräfte keine Berufskammern, die für sie sprechen. Im Gemeinsamen Bundesausschuss, dem wichtigsten Gremium des deutschen Gesundheitswesens, sind Krankenkassen, Krankenhausbetreiber, Ärzte vertreten. Aber nicht die Pflegerinnen und Pfleger.

Zwei weitere Hürden sind für Politiker schwer zu überwinden. Die erste betrifft die betriebswirtschaftliche Impotenz der Heime und Krankenhäuser: Dort wird nichts produziert, was sich verkaufen oder exportieren ließe. Dort wird ein Gut wiederhergestellt, das zwar Milliarden kostet, aber als selbstverständlich gilt: körperliche Unversehrtheit.

Ein Landrat, der Steuergeld in die örtliche Klinik investiert, um die Krankenschwestern besser zu bezahlen, würde vermutlich abgewählt. Genau wie ein CDU-Gesundheitsminister, der für höhere Löhne einen deutlichen Anstieg der Kassenbeiträge in Kauf nähme – und damit den ewigen Groll der Arbeitgeberverbände.

Die zweite Hürde ist psychologischer Natur: Der Pflegenotstand riecht nach Gummiunterlage, er wird verdrängt. Jeder kennt zwar irgendwen, der gepflegt werden muss. Jeder ahnt zwar, wie schlimm die Lage ist. Aber wenn es sich vermeiden lässt, schaut niemand richtig hin. Im Gegensatz zu anderen Krisen erhöht der Pflegenotstand nicht das Bewusstsein für das politische Versagen der anderen. Sondern für die eigene Sterblichkeit.

So war es all die Jahre. Dann kam Corona, ein Virus, das jeden treffen und zum Pflegefall machen kann – und das den Druck auf das Pflegesystem so dramatisch erhöht, dass der Kipppunkt deutlich früher erreicht werden könnte als prognostiziert. Plötzlich wird klar, was es heißt, wenn nicht mehr genügend Fachleute da sind, die wissen, wie man behutsam einen Fremden wäscht, ohne ihm die Würde zu nehmen. Wie man Trost spendet, wenn es keine Chance auf Heilung gibt.

Barbara Thiessen sagt: »Früher hieß es immer, wir müssen erst mal Geld erwirtschaften, und dann können wir es für die Pflege ausgeben. Jetzt merken wir: Es ist andersherum. Die Sorgearbeit ist die Grundlage dafür, dass wir überhaupt existieren und arbeiten können. Sie geht der produktiven Arbeit immer voraus.«

So naheliegend dieser Gedanke klingt, seine Konsequenzen wären radikal: Der Wert der Arbeit würde neu bemessen, die Gesundheit gälte nicht mehr als Kostenfaktor. Sie stünde außerhalb der Rechnung.

So hat die Pandemie den Druck auf Deutschlands Pflegekräfte zwar erhöht, aber zugleich den Blick auf sie verändert.

Ein Landrat, der die Pflegekräfte seiner Klinik besser entlohnen will, hat nun gewissermaßen das Virus auf seiner Seite. Und ein Gesundheitsminister, der einen drastischen Eingriff ins Lohngefüge der Pflege plant, könnte dem Prinzip der Tarifautonomie etwas entgegenhalten: das Prinzip der Systemrelevanz.

Im Mai gab es sogar einen zaghaften Versuch in diese Richtung. Gesundheitsminister Jens Spahn und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatten vorgeschlagen, einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für alle Altenheime einzuführen. Ihr Plan scheiterte – am Protest der Arbeitgeber.

Im Frühjahr, als die Menschen auf ihre Balkone traten, lag die Zahl der Corona-Neuinfizierten bei knapp 7000 pro Tag. Am vergangenen Samstag waren es 14.714. Zu Beginn der Woche warnten Ärztevertreter vor einem »dramatischen Mangel an Pflegekräften«. Es gebe zwar noch ausreichend Beatmungsgeräte. Aber viel zu wenig Personal, um die Geräte zu bedienen.

Gut möglich, dass bald wieder Applaus von den Balkonen schallt. Möglich auch, dass viele derer, denen er gilt, dann längst gekündigt haben.

Fotos: Patricia Kühfuss (aus dem Fotoprojekt »Nicht müde werden«)174 Tage bleibt eine Stelle in der Krankenpflege im Schnitt vakant, bis sie wieder besetzt werden kann, so die Bundesagentur für Arbeit

Über den Pflegenotstand wird viel gesprochen. Aber die wenigsten wissen, was es bedeutet, sich tagtäglich um Menschen zu kümmern, die Hilfe brauchen. Die Fotografin Patricia Kühfuss hat den Alltag eines Krankenhauses in Niedersachsen dokumentiert

Szenen aus dem Krankenhaus: Blinkende Monitore, Beatmungsschläuche, Schutzkittel. Und ein Patient, der wiederbelebt werden muss.

Den vollständigen Artikel finden Sie bei ZEIT plus.

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert, aber Trackbacks und Dingbacks sind offen.