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Das „Weihnachtsgeschenk“ der Regierung wird uns teuer zu stehen kommen.

Von Anfang an standen in dieser Pandemie immer zwei Dinge unstrittig im Vordergrund: Wir müssen die Überlastung des Gesundheitssystems verhindern und wir müssen solidarisch besonders vulnerable Gruppen schützen.
Dafür haben wir alle seit März einiges auf uns genommen. Kinder, Jugendliche, Familien, Geschäftsleute, Künstler*innen: Die Maßnahmen trafen viele von uns sehr hart. Die Menschen sehnen sich nach Normalität und sie wünschen sich in ihre liebgewonnenen Komfortzonen zurück. Es gibt dieses eine Ereignis in jedem Jahr, das die zum Fest gewordene Komfortzone symbolisiert wie nichts anderes: Weihnachten. Das Fest der Familie und der Freund*innen. Die Welt versinkt in Glitzerschnee und Geschenkpapier und vor lauter Friede, Freude, Eierkuchen kullern Tränen der Rührung über kerzenbeschienene Wangen.
Die Realität an Weihnachten 2020 ist jedoch eine vollkommen andere: Menschen ringen auf vollen Intensivstationen um ihr Leben, Pfleger*innen und anderes medizinisches Personal arbeiten bis zur Erschöpfung und still wird die Nacht nur, wenn ein Mensch an Covid-19 verstirbt. Stille: derzeit rund 350 Mal am Tag allein in Deutschland. Das sind schon jetzt 350 Familien täglich, die zum Fest der Liebe Trauer tragen werden. Allen anderen verkündet die Staatsregierung große Freude: zu Weihnachten werden die Infektionsschutzmaßnahmen drastisch gelockert. 10 Menschen, Familie und enge Zugehörige, dürfen mit beliebig vielen Kindern unter 14 Jahren den Tannenbaum besingen. Die Großeltern herzen die Enkelkinder, deren letzter Schultag noch keine Inkubationszeit her ist. Die Tante verspricht beim Abschied, den Urgroßvater morgen im Pflegeheim mit Plätzchen zu bedenken.
Unterdessen studieren die Mitarbeitenden der Kliniken an den Feiertagen die Triage-Empfehlungen der Ethikkommission und schieben Überstunden, die schon längst nicht mehr beklatscht werden.
Bei verbranntem Kaffee und trockenen Plätzchen hoffen Pfleger*innen und Ärzt*innen an Weihnachten, dass sich die Stationen zu Silvester nicht pünktlich nach Mitternacht zu füllen beginnen, denn Feuerwerk gehört auch in pandemischen Zeiten zu den verbrieften Menschenrechten der christlich traditionsbewussten bayerischen Mehrheitsgesellschaft.
Bei all diesen Lockerungen haben die Verantwortlichen nicht nur die ursprünglichen Ziele aller Infektionsschutzmaßnahmen vollkommen vergessen, sie zeigen auch, wie exklusiv Politik immer noch betrieben wird: Sind Lockerungen zu Chanukka geplant, zum orthodoxen Weihnachtsfest oder zum Ramadan? Werden Schulen und Kitas nach den Weihnachtsferien wieder öffnen können, um damit die Chancengleichheit der Kinder aus den Familien mit den Strohsternen zu denen mit den goldenen Baumkugeln zu wahren?
Dieses Weihnachtsgeschenk der Bundes- und der Staatsregierung, geschnürt aus dem Druck der Lauten und Schrillen, wird uns teuer zu stehen kommen. Die Zeche werden die Menschen aus den Risikogruppen bezahlen, die Betagten, die Kinder und nicht zuletzt die Pflegekräfte, Mitarbeiter*innen im Rettungsdienst und Ärzt*innen. Wenn die Menschen an den Weihnachtstagen und an Silvester das tun, was sie dürfen, wird das Neue Jahr in den Kliniken mit Burnouts und mit traumatisierenden Entscheidungen über Leben und Tod beginnen.
Dem Virus ist das egal.
Uns sollte es das nicht sein.

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