Drücke "Enter", um den Text zu überspringen.

Das Leid hinter verschlossenen Türen

Welttag gegen die Misshandlung älterer Menschen

Es ist noch nicht mal Mittag. Zum dritten Mal heute ist das Bett nass. Der alte Schwiegervater ist einfach zu stolz, die Schwiegertochter um Hilfe zu bitten, weil er es nicht mehr alleine zur Toilette schafft. Dann ruft die Schule an, weil das Kind in der Pause gestürzt ist und die KiTa macht gleich zu und da ist noch dieses Webmeeting mit dem Chef. Als der alte Herr sich über die klamme Matratze beklagt, brennen bei der Schwiegertochter die Sicherungen durch und sie schlägt ihn ins Gesicht. Vielleicht nicht zum ersten Mal.

Oma braucht nichts vom Laden, hat sie gesagt. Weniger als eine Stunde nach dem Einkauf des Enkels streift sie um Brot bettelnd durch die Nachbarschaft. Die Nachbarn reagieren, wie so oft, empört. Sie wissen nicht, dass Oma stetig dementer wird. Wutentbrannt schreit der Enkel sie an und macht ihr Vorhaltungen. Vielleicht nicht zum ersten Mal.

Die ganze Nacht stehen die Bewohner*innen auf der Klingel: Vorhang auf, Vorhang zu, Toilette, Durst, Hunger, mehr Schmerzmittel. Eine Bewohnerin hat der Pfleger vor drei Stunden auf der Toilette vergessen, einen Bewohner hat er wütend ins Bett geschubst. Vielleicht nicht zum ersten Mal.

Es passiert aus Überforderung, Aggression und mit krimineller Energie: Gewalt gegen alte Menschen.

Vernachlässigung, Schläge, Beschimpfungen, sexuelle Gewalt, finanzielle Ausbeutung. Auch die Gewalt gegen hochbetagte Menschen hat viele Gesichter. Und auch über sie wird am liebsten geschwiegen. Die Opfer sagen häufig nichts, weil sie Angst haben oder weil sie sich schämen. Auch diesen Opfern wird nicht vorbehaltlos geglaubt. Hinter den Türen der Wohnungen und hinter denen der Pflegeheimen spielen sich leise und unsichtbare Dramen ab.

Isolation und Kontaktbeschränkungen verschärfen auch hier die Lage.

Wenn An- und Zugehörige als Ansprechpartner*innen in den Pflegeheimen fehlen, wissen die Betroffenen oft nicht, an wen sie sich wenden können, wer ihnen glaubt und wer auf ihrer Seite ist. Offene Ohren und wache Augen aller Mitarbeitenden sind gerade jetzt noch wichtiger geworden.

Wenn die Nachbar*innen nicht mehr zum Kaffee vorbeischauen, fällt auch in der häuslichen Betreuung ein Stück soziale Kontrolle weg. Hilfshotlines und Unterstützung übers Internet finden wohl nur wenig betroffene Senior*innen.

Wir müssen reden: gerade jetzt!

Auch auf diesen Bereich der häuslichen und strukturellen Gewalt wirkt die pandemische Lage wie ein Brandbeschleuniger. Belastungssituationen verschärfen sich für alle Beteiligten und ein Austausch nach außen ist mindestens erschwert.
Das Thema „Gewalt gegen alte Menschen“ wurde schon zu lange vernachlässigt. Sowohl in der professionellen als auch in der Laienpflege. Auch diese Probleme lassen sich nicht wegignorieren. Schauen wir hin, reden wir drüber und arbeiten wir an Verbesserungen: Prävention durch Aufklärung und Hilfsangebote. Entlastung für An- und Zugehörige. Arbeitsbedingungen in der Profession, die Überforderung ausschließen.

Links zum Weiterlesen: https://www.bmjv.de/DE/Themen/OpferschutzUndGewaltpraevention/GewaltHaueslichePflege/GewaltHaueslichePflege_node.html

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert, aber Trackbacks und Dingbacks sind offen.