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Chance vertan!

Meine Haushaltsrede im Plenum am Mittwoch, den 24.3.2021

Sehr geehrte Frau Präsidentin, geschätzte Kolleginnen und Kollegen, AfD-Fraktion,

„Gäbe es niemanden, der unzufrieden wäre mit dem, was er hat, würde die Welt niemals besser werden!“ Nachdem das nicht von mir kommt, sondern von Florence Nightingale, gehe ich davon aus, dass mir bis hierher ausnahmsweise auch die Regierungsfraktionen noch zustimmen können.

Schauen wir auf die Situation der Pflege, dann ist „Unzufriedenheit“ wohl eher noch ein Euphemismus als eine realistische Einschätzung.

Die Pflegekräfte sind nicht unzufrieden, sie pfeifen buchstäblich aus dem letzten Loch. Ohne Hoffnung, dass es nach der Pandemie wieder besser wird. Das war es vorher nämlich auch nicht.

Die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen rudern schon heute, um irgendwie über die Runden kommen und wissen auch, dass es in Zukunft bestimmt nicht leichter wird.

Das Ziel ist klar: wir brauchen mehr Menschen, die sich für eines der vielfältigen Berufsbilder der Profession Pflege entscheiden.

Statt jungen Menschen jetzt aber Perspektiven zu eröffnen durch qualitativ hochwertige Ausbildung, durch Studienmöglichkeiten von Anfang an, durch multiprofessionelle Teams, durch freigestellte Praxisanleiter*innen, durch die Aussicht auf gute Arbeitsbedingungen und die Vereinbarkeit von Beruf und dem Leben drumherum, werden sie mit teuren Imagefilmchen wie den „Ehrenpflegas“ verschreckt und die Kollig*innen verhöhnt.
Ja, ich weiß, Herr Holetschek, hier haben Sie nicht Regie geführt, das hat der Kollege im Bund verbrochen. Aber bitte: Die bayerischen Herzwerker waren kein Stück besser! Ich bin gespannt auf die neue Kampagne, aber entschuldigen Sie bitte, guten Mutes bin ich nach all dem nicht.

Das Geld ist also schon mal weg. Schad drum!

Auch schon weg, wenn es nach Ihnen geht, sind die riesigen Beträge des Gieskannen-Wahlkampf-Geschenkes der letzten Landtagswahlen: Das Landespflegegeld.
Ein Taschengeld für die einen, ein Tropfen auf den heißen Stein für die anderen, bewilligt und ausgeschüttet von einem riesigen und kostspieligen Verwaltungswasserkopf.
Der Nutzen für unsere marode Pflegeinfrastruktur ist trotz der enormen Summe gleich null. Dabei gehört das Geld doch da hin! In nachhaltige Versorgungsmodelle, sektorenübergreifende Initiativen, in Beratungs- und Unterstützungsangebote in der Fläche, meinetwegen auch in informative Kampagnen und ganz wichtig in Gesundheitsförderung und Prävention für Pflegende. Ich darf sicher voraussetzen, dass auch Sie den letzten Barmer Pflegereport gelesen haben. Pflegende, die aus gesundheitlichen Gründen ihren Beruf nicht mehr ausüben können, können wir uns schlicht nicht leisten! Jede Pflegefachperson zählt!

Auf diesen letzten Punkt warten Sie bestimmt schon, Herr Holetschek und ich will Sie natürlich nicht enttäuschen:
Was wir uns auch nicht leisten müssen, weil sie der Profession so viel bringt wie einem Fisch ein Fahrrad, ist die Vereinigung der Pflegenden in Bayern. Mit knapp 1600 Mitgliedern von geschätzten 200.000 Pflegekräften ist das doch keine Selbstverwaltung! Die Vereinigung ist weit davon entfernt, die starke Stimme zu werden, die die Profession braucht, um endlich auf Augenhöhe zur Ärzteschaft agieren zu können und die Interessen der Pflegenden wirkungsvoll zu vertreten.
Wenn Sie wollen, dass die Profession in Bayern weiterhin fremdbestimmt bleibt und ihre Potemkin’sche Vertretung von der Kassenlage des Freistaates abhängt, dann mag das für Sie der richtige Weg sein. Für uns Grüne ist das eine fatale Sackgasse! Statt weiterhin Geld für Pappmaschee herauszuwerfen, fordern wir berufspolitische Aufklärung und endlich die entscheidenden Schritte hin zu einer Berufekammer!

Zurück zur „Unzufriedenheit“: Keines der drängenden Probleme der Pflegenden und der Pflegebedürftigen lassen sich dadurch lösen, den Status Quo zu verwalten und hier und da ein buntes Pflaster neben klaffende Wunden zu kleben. Unsere Änderungsanträge, davon bin ich zutiefst überzeugt, sind die Rezepte, die wir jetzt brauchen, um die Attraktivität der Berufsbilder der Pflege jetzt und in Zukunft nachhaltig zu steigern und dem wachsenden Pflegebedarf gerecht zu werden.

Vielen Dank!

 

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