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BR24: Fünf Jahre Pflegeverband – Leise Stimme eines wichtigen Berufs

Fünf Jahre Pflegeverband: Leise Stimme eines wichtigen Berufs

Die Vereinigung der Pflegenden in Bayern soll die „Stimme der Pflege“ sein. Ein halbes Jahrzehnt nach ihrer Gründung tut sich die VdPB aber immer noch schwer, Pflegekräfte für sich zu gewinnen. Auch andere Berufsverbände haben nur wenige Mitglieder.

von Nikolas Nützel im BR 24

Schätzungsweise rund 167.000 Männer und Frauen arbeiten in Bayern in der Pflege. Aber weniger als 3.000 von ihnen sind Mitglied in der Vereinigung der Pflegenden. Fünf Jahre nachdem der Landtag am 24.04.2017 eine eigene Interessensvertretung für die Pflege ins Leben gerufen hat, wollen also nur rund 1,5 Prozent aller Pflegekräfte diese Interessensvertretung mit einer Mitgliedschaft unterstützen.

Anlaufschwierigkeiten nicht überwunden

Der Präsident der VdPB, Georg Sigl-Lehner, wünscht sich eine deutlich höhere Mitgliederzahl für seinen Verband. Doch seiner Ansicht nach lässt sich erklären, warum es schwer ist, Mitglieder zu werben. Pflegekräfte seien „aus einer Tradition heraus leider wenig politisch unterwegs“, sagt Sigl-Lehner. Aber die Politik habe der Pflege „auch nie wirklich zugestanden, ihre Interessen selber zu vertreten“, sagt der VdPB-Präsident. Über die Arbeit seiner Organisation zieht er fünf Jahre nach ihrer Gründung dennoch eine positive Bilanz.

Warnung vor „Pflexit“

Gleichzeitig warnt Sigl-Lehner davor, dass nach den Belastungen der Corona-Pandemie viele Pflegekräfte den Beruf verlassen könnten. In den Medien hat sich dafür der Begriff „Pflexit“ etabliert. „Wir müssen das Thema sehr ernst nehmen“, sagt der VdPB-Präsident im BR24-Interview der Woche. Der Verband wisse von etlichen Pflegekräften, die bereits den Beruf verlassen haben oder die darüber nachdenken. Es müsse gelingen, Perspektiven für die Pflege zu entwickeln, warnt Sigl-Lehner: „Sonst bekommen wir ein noch größeres Problem, als wir es ohnehin haben.“

Traditionell schwache Interessensvertretung

Die VdPB steht mit ihrem Problem, Mitglieder zu werben, nicht alleine da. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), der auf fast 120 Jahre Verbandsgeschichte zurückblickt, hat rund 20.000 Mitglieder. Gemessen an deutschlandweit etwa 1,2 Millionen Beschäftigten in der Pflege entspricht das einem Anteil von deutlich weniger als 2 Prozent. Auch die Gewerkschaft Verdi ist unter Pflegekräften schwach vertreten, wie ein Sprecher einräumt. Genaue Zahlen nennt Verdi nicht.

Wichtige Aufgaben – wenig Macht

Die Vereinigung der Pflegenden in Bayern soll eigentlich eine wichtige Rolle spielen. Sie ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, dadurch hat sie im Vergleich zu anderen Berufsverbänden bestimmte Privilegien. So kommt der Freistaat für ihre Finanzierung auf, rund eine Million Euro im Jahr hat sie zuletzt erhalten. Laut Gesetz sollen staatliche Behörden, die mit Fragen der Pflege zu tun haben, die VdPB „frühzeitig anhören“. Die Vereinigung selbst soll sich um Fortbildung kümmern und Qualitätsrichtlinien entwickeln. Konkrete eigene Befugnisse sind im Gesetz allerdings nicht festgelegt.

Ministerium ist zufrieden

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) ist zufrieden mit der Arbeit der Vereinigung der Pflegenden. Sie habe „Herausragendes geleistet“, erklärt Holetschek. So habe die VdPB einen Lehrplan für Pflegekräfte entwickelt, die sich zu sogenannten „Praxisanleitenden“ weiterbilden wollen, damit sie in der Ausbildung von Pflege-Neulingen arbeiten können. Die VdPB hat nach eigenen Angaben mehr als 14.000 Praxisanleitende registriert. Auch mit der Einrichtung eines „Pflege-Pools“ habe der Verband gezeigt, wie wichtig er sei, sagt Holetschek. Der Pflege-Pool vermittelt seit Ausbruch der Corona-Pandemie Freiwillige an Pflegeeinrichtungen, um Personalengpässe zu vermeiden. Derzeit sind beim bayerischen Pflege-Pool rund 4.400 Männer und Frauen registriert.

Gemischte Bilanz der Opposition

Ganz anders fällt das Urteil der Grünen im Bayerischen Landtag aus. Der Oppositionspolitiker Andreas Krahl kommt zum Ergebnis: „Die Idee war damals schlecht, und sie ist immer noch schlecht.“ Weil die Mitgliedschaft in der VdPB freiwillig ist, habe der Verband keinerlei Überblick, wer überhaupt in der Pflege arbeitet, kritisiert Krahl. Außerdem bestehe die Gefahr, dass die Pflege-Vereinigung der Staatsregierung nach dem Mund rede, weil sie ihr Geld ja aus dem Staatshaushalt bekommt. Der Grünen-Politiker fordert eine Pflegekammer mit Pflicht-Mitgliedschaft nach dem Vorbild der Ärztekammern und Apothekerkammern.

Wohlwollender ist die Einschätzung der SPD-Oppositionellen Ruth Waldmann. Die SPD habe vor fünf Jahren bewusst die Idee eines öffentlich-rechtlichen Pflegeverbandes mit freiwilliger Mitgliedschaft unterstützt, betont sie. Ob das Projekt dauerhaft tragfähig sei, oder ob nicht doch eine Pflegekammer die bessere Lösung wäre, müsse man zu gegebener Zeit auswerten, sagt Waldmann. Derzeit sei es dafür aber noch zu früh.

Streit um Kammer oder Körperschaft

Dass es die VdPB gibt und nicht eine bayerische Landes-Pflegekammer, ist das Ergebnis eines Umsteuerns der Staatsregierung vor rund acht Jahren. Im Jahr 2011 hatte der damalige bayerische Gesundheitsminister und heutige Ministerpräsident Markus Söder mit anderen Organisationen ein „Bündnis für Pflegekammer“ ins Leben gerufen. Eine Kammer mit Pflicht-Mitgliedschaft sollte für die Pflege eine Berufsorganisation schaffen, wie sie auch andere Heilberufe haben. Damit würden die Pflegeberufe aufgewertet, hieß es in einer von Söder mitunterzeichneten Erklärung.

Es gab allerdings von einigen Seiten heftigen Widerstand. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft etwa warnte vor unnötiger Bürokratie. Die gleiche Warnung kam vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Wenn für eine verpflichtende Kammer-Mitgliedschaft Beiträge gezahlt werden müssten, mache das Arbeit in der Pflege unattraktiv, lautete ein weiteres Argument. Die Staatsregierung änderte nach der intensiven Kritik ihren Kurs und rief die Vereinigung der Pflegenden ins Leben. Bei ihr ist die Mitgliedschaft freiwillig und kostenlos.

Andere Länder schaffen Pflegekammern wieder ab

Eine noch deutlichere Kehrtwende bei der Interessensvertretung für die Pflege als in Bayern ist in anderen Bundesländern zu sehen. Schleswig-Holstein und Niedersachsen haben Mitte des vergangenen Jahrzehnts Pflegekammern eingeführt, sie aber zum Ende des vergangenen Jahres wieder abgeschafft. Vorher hatte es unter Pflegekräften viel Kritik an der Pflicht-Mitgliedschaft mit Pflicht-Beiträgen gegeben. Rheinland-Pfalz ist derzeit das einzige Bundesland, das eine Pflegekammer hat.

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