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Besuchskonzepte gegen Einsamkeit und Isolation

In Sicherheit – aber einsam: Im offenen Brief an Staatsministerin Huml skizziere ich Möglichkeiten, um Besuche in den Pflege- und Altenheimen schrittweise wieder zu ermöglichen. Denn wir wissen: die dauerhafte Isolation von der Außenwelt und das Besuchsverbot der Angehörigen sichert einerseits die physische Gesundheit, hat aber für die psychische Gesundheit von Senior*innen und zu pflegenden Personen mitunter tragische Konsequenzen.

 

Offener Brief zu den Besuchseinschränkungen in Alten- und Pflegeheimen

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Huml,

ich wende mich mit der Bitte an Sie, bei Ihren Überlegungen in den kommenden Tagen, zum Besuchsverbot in stationären Pflegeeinrichtungen, mögliche Anregungen einzubeziehen:

Ältere Menschen zählen in der Corona Pandemie als besonders gefährdet. Gleichzeitig setzen, mit dem Besuchsverbot in den Einrichtungen, Einsamkeit und Isolation den Menschen zu. Das ist eine massive Belastung für die Betroffenen und ebenfalls ein Gesundheitsrisiko. Allerdings drohen bzw. sind Pflegeeinrichtungen bereits zu Hotspots geworden. Der Infektionsschutz für diese Gruppen hat hier absolute Priorität. Gleichzeitig bedingen fehlende Nähe, Kommunikation und die Isolation weitere Gesundheitseinschränkungen. Es ist daher absolut erforderlich immer zwischen der Verhältnismäßigkeit und dem Nutzen abzuwägen.

Die infektionsschutzbedingten Einschränkungen sind wichtig und richtig. Wie sich die Infektionszahlen in den nächsten Wochen entwickeln, lässt sich weiterhin nicht absehen. Eine sofortige komplette Aufhebung des Besuchsverbots würde den Infektionsschutzmaßnahen widersprechen. Was wir aber brauchen und darum bitte ich Sie, Frau Staatsministerin Huml, sind Optionen, die wir den Einrichtungen ermöglichen müssen, um keine gravierenden anderen gesundheitsgefährdenden Zustände wie sich verschlimmernde Depressionen, Trägheit, Appetitlosigkeit oder Angstzustände bei den Betroffenen zu riskieren.

Eine Möglichkeit wäre bspw. Zeitkorridore für An- und Zugehörige zu schaffen. Die Besucher*innen kommen zu festen Zeiten und abwechselnd. Auch eine abgestimmte Kontaktperson zu festen Zeiten, die ihre Angehörigen besuchen ist aus meiner Sicht denkbar. Wichtig dabei ist natürlich immer, dass genügend Schutzausrüstung vorhanden ist, für das Personal sowie für die An- und Zugehörigen. Weiterhin schlage ich vor, familiären und befreundeten Beistand im Sterbefall einzurichten. Eine Sterbebegleitung rührt an existenziellen Grundfesten und wir müssen mögliche schwerwiegende Auswirkungen für die Betroffenen berücksichtigen. Gleichzeitig sollten Bewohnerinnen und Bewohnern, insbesondere wenn sie in Quarantäne sind, digitale Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme mit Freundinnen, Freunden und Verwandten ermöglicht werden, zum Beispiel mit Tablets für Videotelefonie.

Außerdem muss die Gruppe der Menschen mit einer demenziellen Erkrankung, die nicht nur Kontaktbeschränkungen besonders hart trifft, speziell berücksichtigt werden. Aus diesem Grund müssen wir auch dieser Gruppe Möglichkeiten zu Kontaktaufnahme bieten. Menschen mit Hinlauftendenz können nur schwer für Quarantänemaßnahmen in einem Zimmer gehalten werden. Hier schlage ich vor, dass die Einrichtungen individuelle Lösungen vor Ort finden, wie bspw. dass gewisse Flure oder Gebäudeteile freigegeben werden. Infektionsschutzbedingte Freiheitsbeschränkungen sollten sich nicht pauschal am Merkmal des Alters oder einer Behinderung orientieren, sondern so spezifisch wie möglich auf Risikosituationen ausgerichtet sein. Auch die regionale Situation ist dabei zu berücksichtigen.

Die Einleitung von drastischen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona- Pandemie haben wir mitgetragen, sie sind richtig und notwendig. Es musste schnell und entschlossen gehandelt werden. Das Besuchsverbot in stationären Einrichtungen gilt nun seit 13. März 2020. Ich bitte Sie, verehrte Frau Staatsministerin, meine vorgeschlagenen Erweiterungsmaßnahmen bei Ihren Überlegungen zu den Beschränkungen mit aufzunehmen.

Gemäß der Allgemeinverfügung des StMGP (Az. 51b-G8000-2020/122-56) vom 13. März 2020 und mit der Feststellung des Verwaltungsgericht München wurde im Rahmen einer Rechtsverordnung das Besuchsverbot geregelt. Nun ist die zweite Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung (2. BayIfSMV) in Kraft getreten. Dort sind die Besuchsverbote in § 3 geregelt.

Die Landesregierung von Baden-Württemberg hat Lockerungsmaßnahmen zum Besuchsverbot angekündigt. In einer Arbeitsgruppe sollen Schritte erarbeitet werden, wie und unter welchen Umständen Besuch wieder möglich gemacht werden kann.

Selbstverständlich müssen in allen künftigen Überlegungen sämtliche infektionsschutzbedingte Maßnahmen beachtet werden. Der Schutz der Risikogruppe steht im Fokus.

Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn wir hier gemeinsam im Interesse der Betroffenen und der Mitarbeiter*innen Lösungen für die Arbeit in den kommenden Wochen finden.

Ich wünsche Ihnen Kraft bei der Krisenbewältigung und viel Gesundheit!

Mit freundlichen Grüßen

Andreas Krahl, MdL

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