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Am Rand und allein? Psychisch krank durch die Pandemie – ein Erfahrungsbericht

Durch die Corona Pandemie und dem damit verbundenen aktuellen Kontaktverbot werden Ängste und Unsicherheiten durch den Verlust sozialer Kontakte noch weiter verstärkt. Viele Betroffene von psychischen Erkrankungen sind verunsichert und fühlen sich allein in der sozialen Isolation, sowohl im eigenen Heim als auch in den (sozialpsychiatrischen) Betreuungseinrichtungen. Die damit verbundene Unsicherheit und Ungewissheit verstärken Ängste – diese spielen im Hintergrund vieler psychischer Erkrankungen eine bedeutende Rolle.

Gerade jetzt sind psychisch kranke Menschen auf eine (psycho-)therapeutische Begleitung angewiesen. Aber auch in den Betreuungseinrichtungen fehlt es an Personal – und das absolute Besuchsverbot verunsichert viele Patient*innen bzw. destabilisiert sie.

Olaf Baier lebt in einer Sozialpsychiatrischen Einrichtung. Dort herrscht das absolute Besuchsverbot. Ich möchte von ihm wissen, wie es ihm dort derzeit ergeht, welche Erlebnisse er dort mit anderen Betroffenen teilt – aber auch, was er sich vor Ort und seitens der politischen Aktuer*innen im dortigen Landkreis wünscht.

Herr Baier, Sie leben in einer Betreuungseinrichtung für Menschen in psychischen Krisen und mit psychischen Erkrankungen. Wie erleben Sie die dortige Situation momentan?

Liebe Leser*innen,

der Ort, an dem ich wohne, ist eine sozialpsychiatrische Einrichtung, ein Ort, an dem ca. 20 Personen mit psychischen Erkrankungen, aber auch mit Drogen- und Alkoholproblemen untergebracht sind. Die meisten von uns sind chronisch erkrankt an Schizophrenie, Bipolarer Störung, Depressionen, Angst- und Panikattacken, der Borderline-Persönlichketsstörung  und noch einiges mehr. Ich selbst gehöre auch dazu.

Wir leben hier am Rande der Gesellschaft, meistens ohne große Kontakte zur sonstigen Bevölkerung. Der Begriff soziale Isolation ist für uns also kein Fremdwort. Jetzt, durch die aktuelle Coronakrise, hat sich die Situation allerdings noch einmal drastisch verschärft.

Um den gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden, wurde ein absolutes Besuchsverbot ausgesprochen, und wir Bewohner*innen dürfen uns auch untereinander nicht mehr besuchen. Auch unsere gesetzlichen Betreuer*innen können wir nur unter erschwerten Bedingungen empfangen. Die Therapieangebote der Einrichtung sind eingestellt worden, wodurch die Tagesstruktur der Betroffenen nahezu weggebrochen ist. Stellen Sie sich vor, ein schwer depressiver Patient, ohne Betreuung, der plötzlich auch seine Wohnung nicht mehr verlassen darf – na was macht der? Er liegt im Bett, mit Grübelzwang und entwickelt schlimmstenfalls Suizidgedanken.

Die meisten der chronisch Erkrankten haben in ihrem gebrochenen Lebenslauf schon sämtliche Verluste durchlebt. Damit meine ich Verlust des Arbeitsplatzes, der Freund*innen, der Familie, der sozialen Identität und noch vieles mehr. Ihnen blieb nichts, außer das bisschen sozialer Kontakt, der ihnen die Einrichtung bietet. Das ist nun auch noch weggefallen. Was bleibt übrig? Nichts mehr! Diese Situation ist wirklich schwer auszuhalten, denke ich, und führt zwangsläufig zu einer Verschlechterung des gesundheitlichen Zustandes.

Wie geht es Ihnen derzeit unter den gegebenen Umständen, was belastet Sie und die Mitbewohner*innen derzeit?

Mich persönlich belasten die Meldungen und Zahlen der weltweit und auch regional infizierten Menschen. Weiterhin ist die Kontaktsperre schwer auszuhalten, da ich sehr an die Kontakte zu meinen Mitbewohner*innen gewöhnt war. Außerdem spüre ich bei mir selbst ein merkwürdiges Gefühl des Misstrauens anderen Personen gegenüber, da ja theoretisch jede*r infiziert sein könnte. Das finde ich überhaupt nicht schön. Persönlich gehöre ich aber zu den Privilegierten, die über einen Internetzugang verfügen, was wenigstens meinen virtuellen Aktionsradius etwas erhöht. Die meisten verfügen nicht über einen Internetzugang und können sich auch das Telefonieren nicht leisten. Zumal sie teilweise auch gar nicht wissen, mit wem sie kommunizieren sollten. Weiterhin sehe ich ein sehr großes Problem im Wegbrechen der gewohnten Tagesstruktur, was zu einer großen Verunsicherung und Vereinsamung führt. Für psychisch Erkrankte sind Veränderungen im Ablauf meist problematisch.

Wie geht das Personal Ihrer Betreuungseinrichtung mit der aktuellen Situation um? Gibt es Entlastungs- und/oder Verbesserungsbedarf?

Zurzeit hat sich das Personal zurückgezogen, vermutlich um Gefahren der Ansteckung zu vermeiden. Auch die ambulante Betreuung wird lediglich telefonisch durchgeführt. Ist ja auch in Anbetracht der Situation alles verständlich. Dennoch: Die Klient*innen bedürfen besonderer Aufmerksamkeit durch fachlich geschulte Therapeut*innen und Psycholog*innen. Das fehlt. Auch ein herzlicher Umgang und menschliche Zuwendung, hier und da ein Lächeln und eine Prise Humor wären eine tolle Ergänzung zum psychologischen Universitätswissen, Umgang von Mensch zu Mensch halt und nicht so distanziert. Ich denke aber, dass trotz allem, alle ihr Bestes gebn und danke auch an dieser Stelle allen recht herzlich, die mit persönlichen Engagement und Liebe ihren Dienst versehen und somit zu rettenden Engeln in Menschengestalt werden. Danke, dass Ihr uns nicht vergessen habt!

Was würden Sie anderen Betroffenen und ihren Angehörigen raten?

Den Mitbetroffenen würde ich raten: Redet über Eure Gefühle und Gedanken. Lasst raus, was Euch bedrückt und werdet Euch dessen auch bewusst. Reflektiert Euch selbst, betreibt Selbstfürsorge so gut es geht und fordert Euer Recht auf sogenannte „Einzelgespräche“ ein. Psychisch Erkrankte werden oft einfach abgespeist, weil sie betont passiv sind. Schreibt Eure Eindrücke in ein Tagebuch. Haltet, wenn möglich, telefonischen Kontakt mit anderen. Sprecht mit Euch selbst, besser als alles abzudeckeln.

Von den Angehörigen würde ich mir wünschen: Vergesst die betroffenen Familienmitglieder nicht. Ruft mal an, schreibt einen Brief, kommuniziert übers Netz sofern Euch dies möglich ist. Zeigt ihnen, dass Ihr an sie denkt, das hilft etwas gegen die Einsamkeit und wäre herzerwärmend. Miteinander ist gefragt, gerade in dieser Krisenzeit. Schiebt eure Verwandten bitte nicht ab.

Gibt es etwas, was Ihnen in dieser Zeit Mut macht und positive Dinge, die Sie an der Krise feststellen können?

Zunächst einmal ist mein Mitgefühl bei den Angehörigen der bereits Verstorbenen und den Coronaerkrankten sowie deren Familienmitgliedern. Was für ein Leid!

Aber vielleicht können wir als gesamte Menschheit einen Nutzen aus dieser globalen Krise ziehen. Wir können innehalten, denn das Virus tut doch genau das: Es zwingt uns alle mehr oder weniger zum Innehalten. Das Virus kommt aus der „Natur“ und vielleicht will die „Natur“ bildlich gesprochen uns damit sagen: „Ihr könnt so nicht weitermachen!“ Die globale Belastung der Erde, die ja unser aller Lebensgrundlage darstellt, ist überschritten. Neben der aktuellen Coronakrise gibt es auch noch eine aktuelle Klimakrise, mit der wir Menschen konfrontiert sind. Daraus könnten wir wieder Demut vor der Natur lernen, denn wir müssen erkennen, dass wir Menschen hier nicht die uneingeschränkten „Herrscher“ auf Erden sind, die sich selbst bedienen können, wo sie nur wollen. Für mich liegt hier eine menschliche Selbstüberhöhung vor, ein Hochmut, der uns jetzt teuer zu stehen kommt.

Wir können wieder Respekt und Achtung vor der Natur lernen und auch unter uns Menschen selbst, ein Miteinander statt ein Gegeneinander, denn die Probleme können nur gemeinsam gelöst werden. Die Mittel sind doch vorhanden! Neue Ideen und Wege könnten entwickelt werden von den Leuten, die etwas davon verstehen, weltweit. Ich meine damit bezüglich des Wirtschaftssystems, des Finanzsystems, der Politik u.s.w.

Wir als Menschheit haben keine Zeit mehr, die dringenden Fragen der Gegenwart zu ignorieren, ohne eine weitere Katastrophe zu riskieren. Wir könnten die Zeit jetzt kreativ nutzen, für Versöhnung, und um Kriege endlich zu beenden und uns wieder die Hand zu reichen – jeder Mensch an seinem Platz, wo er gerade ist.

Ja, diese potenzielle Möglichkeit macht mir Mut, da ich denke, dass wir Menschen dazu in der Lage sind.

Olaf hat eine Facebookseite, auf der er regelmäßig kreative Arbeiten vorstellt.

Herr Baier, ich danke Ihnen für die Zeit, die Sie sich genommen haben.
Das Interview wurde schriftlich durchgeführt am 31. März 2020.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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